Kultur- und Geschichtsverein
Frickhofen e. V.

"Frickhöfer Backes"

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Im Untergeschoss des Frickhöfer Backes war rechts die kommunale Backstube eingerichtet, links davon das kleine Ortsgefängnis, genannt Bullesje, wo Ferdinand B. für einige Tage einsaß. Im Obergeschoss wohnte mit Mann und drei Kindern 'Backes Fine', die der schöne Ferdinand verachtet hatte. Doch in dieser Situation konnte sie auf den 'schönen Ferdinand' als Sträfling herabschauen.

Die Geschichte des schönen Ferdinand

Ferdinand B. stammte aus einem Haus am Ende der Frickhöfer Langestraße. Ein Bruder des Ferdinand, Johann, hatte in Wiesbaden Küfer gelernt und ließ sich danach in Frickhofen als Fassmacher nieder. So nannte man die Familie im Ort "Kiefers".

Ferdinand mag um 1870 geboren sein. Nach seiner regulären Dienstzeit im Garde-Regiment des Kaisers verpflichtete er sich bei der kaiserlichen Armee für längere Zeit. Er diente als Feldwebel oder Oberfeldwebel auf einem Truppenübungsplatz in Teltow bei Berlin. Dort trainierte und traktierte er die jungen Rekruten nach preußischer Art. Mit seinen Geschichten vom Militär protzte er später in Frickhofen – und so wurde es weitererzählt:

Einmal merkte er bei einer Ausbildungseinheit, dass ein Rekrut seiner Gruppe, ein Jude, sich bei Regenwetter immer um die Pützen drückte, er wollte sich eben nicht 'dreckig' machen. "Na warte, Bürschchen, dich werd' ich noch kriegen!" dachte sich der Feldwebel. Bei einer Regenwetter-Übung dirigierte er den Rekruten direkt vor eine Pfütze und brüllte dann den Befehl: "Hinlegen!" Als der Jude dann in der Wasserpfütze vor ihm lag, sagte er von oben herab über ihn: "Ihre Vorfahren sind durchs meterhohe Rote Meer gewandert – und Sie haben Angst vor dieser flachen Regen-Pfütze!!??"

Frickhöfer Backes
Frickhöfer Backes vor dem Abriss

Der Name 'schöner Ferdinand' kam nicht von ungefähr, denn er sah gut aus und machte insbesondere im 'blauen Rock des Kaisers' eine ausnehmend gute Figur. Damals waren die Mädchen noch schwer hinter Uniform-Trägern her. Ferdinand seinerseits galt als Schürzenjäger. Jedenfalls war er ein echter Frauenschwarm – und er wusste auch um seine Wirkung auf Frauen. In Berlin soll er mehrfach versucht haben, Offizieren die Frauen auszuspannen.

Einmal geriet der Ferdinand an eine Hebamme, mit der er auch ein Techtelmechtel hatte. Von der lernte er das Abtreibungshandwerk, das er mit ihr zusammen auch praktizierte. Dafür wurde er nach einiger Zeit angezeigt – und das kam so: Ein Offizier hatte einer jungen Frau ein Kind gemacht. Daraufhin forderte er von ihr die Abtreibung, nur dann würde er sie heiraten. Das ungeborene Kind ließ sie sich bei dem Paar Ferdinand & Hebamme entfernen. Aber der Offizier wollte danach von seinem Heiratsversprechen nichts mehr wissen und ließ die junge Frau sitzen, die damit ihr Kind und den versprochenen Mann verloren hatte. Aus Ärger und Wut darüber zeigte die Frau den Ferdinand an. Er wurde verurteilt und kam ins Gefängnis.

Als man ihn einmal in ein anderes Gefängnis verlegen wollte, wurde er in Sträflingskleidung im D-Zug transportiert. Da riskierte er dann beim Toilettengang die Flucht und sprang aus dem fahrenden Zug. Dabei wurden seine Füße zu Plattfüßen deformiert, wie er später erklärte. Als erkennbarer Sträfling in Haftkleidung konnte er allerdings nicht weit kommen. Er versuchte bei einem Bauern Zivilkleidung zu erhalten. Doch der Bauer meldete ihn bei der Polizei. "Wenn ich den noch mal vors Gesicht bekommen hätte", erzählte er später, "den hätte ich platt gemacht." Jedenfalls kam er wieder in Haft und so verbrachte er die meiste Zeit des 1. Weltkriegs im Gefängnis. Nach dem Krieg drehte er seine Knastzeit zu einem positiven Heimaufenthalt hin: "Pah, die anderen mussten in den Krieg und an die Front – und ich hab' daheim 'gesessen'."

Nach Kriegsende und der Auflösung des kaiserlichen Heeres kam Ferdinand nach Frickhofen zurück. Aber auch im Zivilstand legte er auf sein adrettes Äußeres großen Wert: Er pflegte auch nach der Kaiserzeit weiterhin seinen gezwirbelten Bart. Als Mantel trug er einen Coat aus feinem englischen Zwirn mit sechs Büffelhornknöpfen und einem Pelzaufsatz. Strack und stolz schritt er wie ein Dandy durchs Dorf. Von geregelter Berufstätigkeit hat man im Dorf nichts mitbekommen. Gelegentlich half er Bauern beim Mähen und Ernten.

Auf einem Bild vom Sportverein soll er zu sehen sein. Noch im Alter scheint er wirklich fit gewesen sein. In Schüllers Wirtschaft ging er einmal die Wette ein, dass er als 60Jähriger noch mit einem Schuss-Sprung aus dem Stand auf den Tisch springen könnte – er brachte es fertig!

Auch in Frickhofen setzte der schöne Ferdinand seine Schürzenjägerei fort. Einmal löste er damit einen regelrechten Dorf-Skandal aus – und das kam so: Am Anfang der Hauptstraße lebte Willi Maas als Landwirt. Backstube und Verkaufsraum hatte er an den Bäcker Konrad verpachtet. Maase Willi hatte in den 20er Jahren ein Mädchen aus einem Westerwalddorf kennengelernt und sich mit der Margarethe zur Hochzeit versprochen. Als nun alles für den Hochzeitstag bestellt war und die Hochzeitsgesellschaft vom Haus zur Kirche gehen wollte, war die Braut nicht da. Die Trauung musste ausfallen, die geladenen Gäste wurden nach Hause geschickt. Das war natürlich eine Mordsaufregung hier im Dorf, wie Zeitgenossen erzählten. Was war geschehen? Der schöne Ferdinand hatte einige Zeit vor der Hochzeit der Braut den Hof gemacht und mit ihr ein Techtelmechtel angefangen. Einige Tage vor der Hochzeit schrieb er ihr noch einen Brief, um sie anscheinend abspenstig zu machen. Jedenfalls war die Braut so verwirrt oder verunsichert, dass sie am Hochzeitstag wegen Ferdinand nicht zu ihrem Bräutigam und dem Brautamt kam. Später hat sie dann doch noch den Maase Willi geheiratet. "Aber dieser Strolch von Ferdinand hatte es geschafft, kurzfristig einen Keil zwischen Braut und Bräutigam zu treiben" – so resümierte Josef D. diese unschöne Affäre des 'schönen Ferdinands'.

Ende der 20er Jahre heiratete er die Witwe Hörter. Deren Mann hatte etwa seit der Jahrhundertwende ein Dachdeckergeschäft in der Bahnhofsstraße im späteren MKW-Haus betrieben. Bei ihm hatte Adolf Kerberger gelernt, der damals seine spätere Frau im Nachbarhaus Schardt kennenlernte. Nach dem Tod vom Inhaber Hörter – etwa Mitte der 20er Jahre - übernahm Kerberger dessen Betrieb.

Die Witwe Lieschen Hörter, die aus Niederhadamar stammte, brachte zwei halbwüchsige Töchter in die neue Ehe. Hedwig und Elisabeth waren attraktive Mädchen und von den Jungen im Ort heimlich und offen umschwärmt. Ein Frickhöfer erzählte so von seinen Jugendträumen: "Ich kann mir die beiden Mädchen noch gut vorstellen. Die Elli war eine Rothaarige, die hat nicht so viel dargestellt. Aber die Hedi, die war ein wirklich attraktives Biest." Einmal äußerten die Schacks Buben, Oswald und Theo Schmidt, gegenüber Ferdinand, sie würden später mal seinen beiden Stieftöchtern den Hof machen und heiraten wollen. Darauf antwortete der schöne Ferdinand: "Das wird nie passieren, dass meine Töchter zu Backes Fine 'Tante' sagen werden."

Zur Erklärung des sozialen Hintergrunds: Josefine, genannt Fine, war die Schwester von Schacks Anton, dem Vater von Oswald und Theo. Sie hatte einen Friseur Leenders aus Köln geheiratet, einen Cousin von ihr. Diese enge Verwandtschaftsbeziehung war möglicherweise auch der Grund, dass alle drei Kinder der Josefine mehr oder weniger behindert waren. Die Familie wohnte im Obergeschoss des Back-Hauses und so nannte man sie im Ort "Backes Fine". Sie galt in der Verwandtschaft und auch im Ort als sozial heruntergekommen. Aus der Antwort vom schönen Ferdinand kann man ersehen, dass damals die soziale Reputation einer Sippe bei Heiratswünschen noch eine wesentliche Rolle spielte.

Auch in Frickhofen begann Ferdinand B., Abtreibungen zu praktizieren und zwar in seinem Haus in der Friedenstraße 6, wo er mit seiner Frau und den beiden Stieftöchtern lebte. Als Kundinnen kamen sowohl Frauen aus Frickhofen wie auch von auswärts. Sie wurden natürlich von den Nachbarn gesehen und erkannt.

Auch bei seiner eigenen Stieftochter Elli soll er Abtreibungen vollzogen haben. Jedenfalls habe sich die Elli damit gebrüstet: "Hier bei mir hat er es auch gemacht."

Einmal, etwa Mitte der 30er Jahre, trat der Frickhöfer Gendarm Stölding an ihn heran wegen einer Abtreibung bei seiner Tochter. Der Polizist stammte aus Kiel und war in den Westerwald versetzt worden. Die Abtreibung bei der Tochter eines Staatsbeamten war dem Ferdinand dann aber doch zu heiß und er lehnte ab. Die Situation war für ihn zusätzlich dadurch besonders riskant, da die Nazis das Abreibungsgesetz verschärft hatten – jedenfalls bei gesunden deutschblütigen Kindern. Aus Ärger über die Ablehnung soll der Polizist die Abtreibungspraxis vom Ferdinand angezeigt haben – so die später geäußerte Vermutung vom Angezeigten.

Ferdinand kam wieder mal ins Gefängnis. Zunächst wurde der Polizist Stölding beauftragt, ihn zu verhaften und vorläufig im örtlichen Gefängnis in Gewahrsam zu nehmen. In Frickhofen befand sich das Ortsgefängnis 'Bullesje', wie man hier sagte, im Erdgeschoss des Backes direkt neben der kommunalen Backstube. Dort stand wohl eine Pritsche und ein Eimer für die Notdurft. Morgens schloss der Polizist auf und führte den Deliquenten in Schüllers Wirtsstube zum Frühstücken. Nach dem Frühstück hatte Ferdinand noch Zeit, ins Gasthaus Schlitt zu gehen, um mit der alten Frau Schlitt zu reden. Dabei erzählte er ihr, welche Mädchen und Frauen aus Frickhofen bei ihm um Abtreibung nachgesucht hätten. Nach etwa einer Stunde holte der Gendarm ihn wieder ab, um ihn im Backes-Bullesje wieder wegzuschließen.

Nach einigen Tagen kam der Häftling nach Limburg ins reguläre Untersuchungsgefängnis. Sein Bruder, Kiefers Johann, hatte es abgelehnt, das 'schwarze Schaf' der Familie dort zu besuchen. Willi Schlitt kam einmal dienstlich mit ihm in Kontakt - in seiner Eigenschaft als Justizangestellter in Diez. Der Untersuchungsgefangene hatte in seiner Zelle Spielkarten aus Karton hergestellt. Die wurden ihm abgenommen und dem Schlitt übergeben.

Ferdinand B. wurde zu einer längeren Haftstrafe verurteilt, die er im Gefängnis Butzbach absitzen musste. Er soll im Gefängnis gestorben sein.

Seine Frau zog mit ihren beiden Töchtern nach Diez. Man erzählte, dass sie später nach Amerika ausgewandert seien.

Hubert Hecker