Kultur- und Geschichtsverein
Frickhofen e. V.

Die Bilder auf dieser Seite stammen von Leonhard Diefenbach, Zeichenlehrer am Herzoglichen Gymnasium Hadamar. Sie wurden seinem Werk "Die Zölf Monate des Jahres. Ein Jugendkalender in Wort und Bild. Stuttgart1860" entnommen.

Wetterkapriolen vor 170 Jahren

Verwunderung über frühlingshafte Winter oder Klagen über Hitzeperioden im Sommer? Alles schon dagewesen! In den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts waren die Extreme bei Sommer- und Winterwetter noch stärker als heute.

Aus den Schulchroniken der fünf Dornburg-Dörfer kann man interessante Details zu den Wetter-Kapriolen vor 170 Jahren erfahren.

Lehrer Dickop aus Frickhofen beklagte 1842 die lange "Hitzeperiode und verbreitete Dürre, woraus eine allgemeine Noth entstand. Die kleineren Gewässer verloren ihr Wasser gänzlich, der sonst so starke Elbbach war so klein geworden, daß er überall zum durchwandern geeignet war.

Pferdewagen mit Holzladung
Winterliche Holzabfuhr

"Die 1842jährige Sommerdürre veranlaßt," schreibt der Schulchronist von Wilsenroth, "daß die Winter und Sommerfrüchte weniger Gebünde und Körner abwerfen, ebenso auch die Wurzelgewächse. Eine große Anzahl Rindvieh musste aus Mangel des zuwenig gewachsenen Futters von 1842 für einen ständig fallenden Preis abgeschafft werden. Die Preise für Brotgetreide und Lebensmitteln dagegen stiegen um ein Vielfaches." Diese Entwicklung kam erst "zum Ende durch die reichliche Ernte des Jahres 1843."

Während das Wetter-Jahr 1843 einigermaßen normal verlief, waren mit den folgenden Jahren außerordentliche Wetterkapriolen verbunden. Am 10. Juni 1844, bemerkt der Lehrer Emmelheinz aus Mühlbach, "entstand Mittags zwischen 3 u. 4 Uhr ein Gewitter mit Hagel, welches von Westen herkam und in der Gemarkung Thalheim und Heuchelheim die Winterfrüchte nur theilweise beschädigte, aber in hiesiger Gemarkung wurden alle Früchte an Korn und Weizen so zusammengeschlagen, daß vom Besten kaum 1 ½ Maß vom Fuder ausgedroschen wurde, welches dem hießigen Orte eine sehr tiefe Wunde verursachte."

Der Winter von 1844/45 – so der Schulchronist weiter -, war der Art, "daß sich auch die älteren Leute keines solchen erinnern können. Seit November 1844 war die Erde fest gefroren. Die Kälte des Winters stieg mit jedem Tag – bis zum 27. Januar, wo es anfing unaufhörlich zu schneien. An manchen Orten war die Erdoberfläche bis zu sechs Fuß (ca. zwei Meter) bedeckt." Dazu kam eine bittere Kälte. Nach Berichten vom 8. März war der Rhein so fest zugefroren, dass die schwersten Wagen ohne Gefahr darüber gingen. In Mühlbach "war der Holzmangel so groß, daß alle Einwohner den 8. März einstimmig in den Wald gingen und Holz fällten, um nicht zu erfrieren."

Schlittenfahrt
Schlittenfahrt

Über die Folgen der Schneemassen und Hundskälte für das Wild berichtet Lehrer Marx aus Thalheim: "Die Thiere des Feldes und des Waldes suchten aus Mangel an Nahrung das Gastrecht der Menschen auf. Ein großer Teil der Hasen und Rehe wurde von der Kälte und wegen Mangel an Lebensmittel zur großen Freude der Landleute getötet." Ähnliches notierte der Dorndorfer Volksschullehrer: "Eine große Menge Wildthiere sind von Hunger umgekommen, die im April zerstreut im Wald, Feld und in den Wiesen gefunden wurden."

Erst mit dem ersten Ostertage am 23. März begann sich das Wetter zu wenden. "Das Tauwetter vom 24. und 25. März schmolz die Schneemassen dahin, die Gewässer schwollen an, das Eis brach los und der fürchterliche Winter war vorbei – so Lehrer Marx. Schon am 3. April konnte der Landmann seinen Pflug bespannen und mit der Feldarbeit beginnen."

So glimpflich erging es den Mühlbachern nicht: "Durch Tauwetter und zusätzlichen Regen entstand durch die großen Massen schmelzenden Schnees ein so großes Wasser, daß die Leute von Hier, die dem Gottesdienst in Ellar beiwohnen wollten, allein vor dem Ort zurückkehren mussten. Keiner konnte beide Ostertage den Gottesdienst besuchen."

War der Frühling und Sommer wettermäßig hoffnungsvoll verlaufen, so braute sich im Herbst 1845 eine neue Katastrophe über die Landbevölkerung zusammen: die Kraut- und Kartoffel-Fäule. Lehrer Form aus Langendernbach erklärte dazu: "Innerhalb weniger Tage dürrte das Kraut der Kartoffeln und sogleich gingen die Kartoffeln dergestalt in Fäulnis über, daß man ihren Geruch fast nicht aushalten konnte. Diese Kartoffelkrankheit war den Zeitungen gemäß in ganz Europa und auch in ihrer Heimat Amerika heimisch geworden, weshalb auch an neue Saatkartoffel nicht zu kommen war. Die Besorgnis, dass die alten und sogar angefaulten Kartoffeln nicht aufgehen oder wieder in Fäulnis übergehen würden, bestäthigte sich aber im nächsten Jahr nicht."

Der Winter 1845/46 war nach Ansicht des Frickhöfer Lehrer Dickop das "völlige Gegentheil" von dem vorherigen: Sturm und Regen wechselten sich ab, Frost und Schnee nur an wenigen Tagen. "Schon im Februar erfreute man sich eines schönen Frühlingswetters und in der Mitte dieses Monats konnte man allenthalben grüne Sträucher und Knospen treibende Bäume sehen, und gegen Ende des Monats wurden überall die Gärten bepflanzt. Leider wurden jedoch die Garten- und Feldarbeiten durch das im März eintretende und anhaltende Regenwetter zurückgehalten bis Mitte des Monats April.

Mit dem Monat Mai 1846 begann eine anhaltende trockene Witterung, die nur von einigen kleinen Strichregen unterbrochen wurde. Die Gewächse waren meistens dem Verdürren nahe und konnten daher auch nur eine ganz spärliche Ernte abliefern. Das Korn, welches anfangs eine reiche Ernte versprach, bekam Rost und lieferte wenig Körner. An Kartoffeln und Gemüse erntete man kaum die Hälfte, wie in den gewöhnlichen Jahren." Aber durch die außerordentliche Hitze und beständige Trockenheit – so fährt der Lehrer Form aus Langendernbach fort - wurde von Kartoffelfäulnis wie im Herbst 1845 kaum etwas gespürt. Ein weiteres Missgeschick bestand darin, "dass der Reif die Blüthen versengt hatte, weshalb es gar kein Obst dahier gab. Die Folgen dieser Mißernten stellten sich alsbald ein. Hunger und Noth wurden die Tagesgespräche."

Wie ein böses Omen für weitere Misshelligkeiten musste den Leuten eines der seltenen Erdbeben in unseren Breiten vorgekommen sein, das am 29. Juli abends um ½ 10 Uhr wahrgenommen wurde: "Dem Erdstoß ging ein dumpfes Grollen, gleich dem Rollen eines Wagens, voraus. Die Türen und Fenster klirrten stark. Die Erdstöße verspürte man von Westen nach Osten hin und zwar so heftig, dass die Leute dahier in Angst gerieten" (Schulchronik Dorndorf).

Als Begleitung oder auch Folge von Not und Missernten mag zu lesen sein, was der Schulchronist von Wilsenroth Mitte 1846 schrieb: "Seit acht Monaten hat die Nervenkrankheit in unserer Gemeinde gewüthet. Sie wurde, je weniger sich um dieselbe durch ärztliche Mittel Bedacht genommen, umgreifender, so daß mehrere Familie, 2 bis 3 Personen, und größtentheils die Arbeitsfähigsten und Stärksten verloren gingen und das Nervenfieber somit großen Schaden angerichtet hat. Doch Gottlob ist die Krankheit inzwischen wieder auf freiem Fuße, um – wie man glaubt – einen anderen Ort aufzusuchen."

Zu 1847 hielt der Lehrer Form von Langendernbach fest: "Durch die anhaltende Trockenheit des 1846ten Jahr und das Faulen der Kartoffeln ist Theurung entstanden. Die Theuerung nahm mit jedem Monat zu, die Preise für Getreide, Stroh und Heu, Erbsen und Kartoffeln steigen kontinuierlich," ergänzte der Chronist von Wilsenroth.

Schneemann
Schneemann

"Der Winter fing früh an, war sehr kalt und will seine Kraft gar nicht aufgebe, schreibt der Dorndorfer Schulmeister. Noch am 16., 17. und 18ten April fiel eine solche Schneemasse, das sie selten im Monat Januar größer gesehen wird – bis zu 17 Zoll tief. Den 20ten des Morgens war derselbe so zusammen gefroren, daß auch der schwerste Mann überlaufen konnte. Am 28. April sind noch viele Stellen in diesiger Gemarkung mit diesem Schnee bedeckt.
Der Sommer ist trocken und heiß, mit Ende August sind fast alle Früchte bis auf einige kleine Reste eingescheuert."

"Auch der Winter 1849/50 war lang anhaltend und schneereich," notiert Lehrer Emmelheinz aus Mühlbach in seiner Chronik. "Es lag eine solche Masse Schnee, daß sich die alten Leute nicht erinnern konnten hier eine solche Menge gesehen zu haben. Am Morgen des 22. Januar zeigte das Termometer 22° Kälte. Nachdem der Monat Februar meistens gelinde und schön gewesen war, brachte nur das Ende des Monats März wieder Kälte und Schnee."

"Die Ernte im Sommer 1850 war im allgemeinen eine gute. Nur zu beklagen war die aufs Neue sich zeigende Kartoffelfäulniß und der geringe Ertrag dieser für uns so zum Bedürfnis gewordenen Frucht."

"Der Winter war gelinde und nur wenig Schnee brachte uns derselbe. Mit Anfang des Jahres 1851 brachen die Rödln und der Keuchhusten unter den Kindern aus."

"Ein Schüler Wilhelm Schmidt von hier ein Knabe von 7 Jahren starb an den Rödln. Viele Kinder mußten lange das Bett hüten, was dann auserordentlich stöhrend auf den Unterricht einwirkte."

"Die Ernte im Sommer 1851 war im Allgemeinen eine nicht günstige. Die Kartoffeln waren zum Theil mißraten."

"Die Winterfrucht gab ebenfalls einen schlechten Ertrag, derer wegen sich der Preis des Korns schon zu Weihnachten verdoppelt hatte."

Zum Ende des Jahres 1851 wurde Wilsenroth wieder von der Nervenkrankheit heimgesucht: "Fast alle Schüler wurden von diesem Übel, mehr oder weniger befallen, so, daß gewöhnlich nur die Hälfte derselben die Unterrichtsstunde besuchen konnte. Eine im Frühjahr 1852 aufgestellte Krankenliste zeigte, daß unter einer Bevölkerung von ungef. 300 Seelen 190, also fast 2/3 von dieser Krankheit ergriffen waren. Die hierdurch eintretende Noth, der ohnedies dürftigen Einwohner, wurde durch milde Gaben, welche von allen Seiten zuflossen, einigermaßen gelindert. Zu Anfang Febr. erkrankte der Lehrer. Der Unterricht wurde einigemale durch Lehrgehilfe Schwarz in Frickhofen ertheilt."

Ein Jahr später, zum Jahreswechsel 1852/53, musste der Wilsenröther Lehrer schon wieder neue Hiobsbotschaften niederschreiben:

"Verflossenen Winter herrschte hier das Nerven= und diesen Winter das Auswanderungsfieber. Ein Mann trat unlängst sehr bedürftig zu mir herein und sprach: Das Sprichwort: Bleibe im Land und nähre dich redlich, hat sich überlebt. Kein Brot und kein Verdienst. Wie sich nun ehrlich nähren? Meine Kleinen rufen jeden Morgen um Brot und gar oft muß ich sie mit meinen leeren Worten trösten. Nicht lange danach gingen Consorten dieses Mannes im Dorfe herum und sammelten Unterschriften zu einer gemeinschaftlichen Auswanderung nach Amerika. Das Motto hieß: 'Verzeichnis derjenigen Bürger, welche auf die Gemeinschaft nach Amerika ziehen wollen'. Es sei noch bemerkt, daß sich nicht weniger als 50 Bürger unterzeichnet hatten."

Im Nachbarort Dorndorf hatte der Schulchronist Positiveres zu berichten:

"In unserer Kapelle, welche dem Umsturze nahe war, ist am 15. März d. J. 1852 vom Herrn Decan Schmitt aus Frickhofen der letzte Gottesdienst gehalten worden, hierauf wurde durch einstimmigen Beschluß der Ortsbürger dieselbe niedergelegt mit dem ernstlichen Vorhaben in möglichster Bälde auf derselben Stelle eine neue zu erbauen.
Bei der Einweihung der neuen Kapelle am 11. Januar 1853 herrschte eine schon seit längerem dauernde sehr milde Witterung – fast wie bei der Erndte."

Das außergewöhnlich milde Winterwetter bestätigte auch der Frickhöfer Lehrer Dickop: "Einer besonderen Erwähnung verdient hier der Winter 1852 / 53. Man wird sich wundern, zu vernehmen, daß bei der am 11ten Januar 1853 statt gehabten Einweihung der neu erbauten Kapelle zu Dorndorf die angebrachten Verzierungen theils aus grünen Gerstenähren bestanden. Erst gegen Ende des Monats Februar begann der Winter mit einem tiefen Schnee, der jedoch nicht lange liegen blieb."

"Der Winter 1855/56 war im allgemeinen recht milde. Vor Weihnachten waren nur einige Tage sehr strenge Kälte mit tiefem Schnee, der aber nicht lange liegen blieb. Von Weihnachten an war der Frost, einige Tage ausgenommen, verschwunden, so daß schon im Januar die Stachelbeersträucher Knospen bekamen."

"Der Winter 1856/57 war ein sehr gelinder; es fiel wenig Schnee, der nicht lange liegen blieb; einige Tage strenge Kälte ausgenommen herrschte immer eine gelinde Witterung. Der Februar war so freundlich, daß er den Landmann zum Pflügen herauslockte."

Hubert Hecker