Kultur- und Geschichtsverein
Frickhofen e. V.

Die Dornburg ist auch heute - nach Jahrzehnten des Basaltabbus - ein besonderer und historisch bedeutungsvoller Ort. Zumindest von der Latene-Zeit bis zur Zeit der Merowinger - also über mehr als 1.00 Jahre war das herausgehobene Plateau offenbar ununterbrochen besiedelt. Auch nachdem die Siedlung im Mittelalter erlosch, blieb die Erinnerung daran im Volk lebendig.

Über die Jahrhunderte entstand daraus die Dornburg-Sage, die wir in der Fassung von Heribert Heep hier gerne vorstellen möchten.

Heribert Heep: Tausend Jahre Frickhöfer Geschichte; Limburg 1950

DIE DORNBURGSAGE

(Die Sage bezieht sich auf die beiden Endkuppen des Watzenhahns: Blasiusberg und Dornburg = Donarburg, ursprünglich der heidnischen Gottheit "Donar" (Thor) geweiht -)

Es mag um die Zeit 1272 gewesen sein, als sich auf den zerstörten Niederlassungen der Römer eine angesehene Stadt und inmitten dieser eine nicht minder stolze Burgfeste erhob. Trutzig ragten die Zinnen der Burg ins Land und trotzten den Angriffen der Feinde. Die ganze Stadt umgrenzte ein riesiger Wall, hinter dessen Schutz die Bürger friedlich ihrer Arbeit nachgingen. Unter dem Burgfried befand sich ein Verlies, in dem die Gefangenen untergebracht wurden. Burg und Stadt waren erbaut aus dem Basaltgestein, das die Natur rundum in reichem Maße spendete. Die Häuser waren einfach gebaut. Kein unnützer Schmuck zierte sie.

In der Phase des Interregnums war Arnulf als Bürgermeister dieser Stadt hoch angesehen und geschätzt. Seine Tochter, die blonde Hildegard, war die schönste Maid weit und breit. Mit ihren großen, dunklen Augen, in denen stets der Übermutsteufel blitzte, betörte sie manchen jungen Ritter. Ihre natürliche Art, sich zu geben, ihre Anmut und berückende Schönheit machten sie nicht nur zum unbestrittenen Liebling der Stadt, sondern auch der ganzen Umgebung. Die meiste Zeit verbrachte sie in der Natur, war wagemutig und zu allen tollen Streichen bereit. Sie ritt mit den Freunden ihres Vaters, jagte mit den Tieren des Waldes um die Wette und scheute keine Gefahren. Die Liebe des Vaters zu ihr war blind. Nichts verwehrte er dem ungehemmten Mädchenwillen. Zwei Rittern war Hildegard wohl gewogen. Allein nur einen liebte sie mit der ganzen schwärmerischen Glut ihrer Jugend. Der, dem ihre Gunst galt, war der Ritter Rupert von Ellar. Der junge, rotlockige Ritter, mit seiner gewandten Tournure, verlebte mit Hildegard in Abwesenheit ihres Vaters manche traute Stunde in glücklichem Beisammensein. Rupert verfügte über vornehme Allüren. Sein edles Gesicht wurde von grauen, kalten, stechenden Augen beherrscht. Seine Stirn war hoch und frei. Zwang konnte er nicht ertragen. Macht und Ansehen schätzte er über alles. Seine rücksichtslose und leidenschaftliche Natur verwickelte ihn oft in unangenehme Situationen, die zu seinem größten Leidwesen stets bis an die Ohren des Bürgermeisters drangen. Von seinen Feinden wurde er wie der Leibhaftige gefürchtet.

Sein unzertrennlicher Freund, Ritter Georg von Molsberg, hatte kein so großes Glück in der Liebe. Er war größer als Rupert und besaß ein weiches Herz. Blutbrüderschaft fesselte ihn an den wilden Freund. Er war ein Sonderling und ging oft eigene Wege. An Geld hing er nicht, desto mehr rang er um Gegenliebe bei Hildegard. Sein schwacher Wille ließ ihn stets dem zielbewußten Rupert untertan sein.

Die Nacht hat ihren dunklen Schleier über die weiße Erde gespannt. Über der fernen Höhe des Blasiusberges leuchtet noch da und dort ein vereinzelter Stern auf, um auch bald unter dem nächtlichen Wolkenschleier zu verschwinden.

In dem nahen Walde rauscht und raunt in den entlaubten Bäumen der eisige Nachtwind. Unaufhörlich fallen unsichtbare Flocken auf den einsamen Reiter, der in dieser Nacht nach der Burg Ellar reitet. Der Reiter scheint zu schlafen. Tief ist sein Kopf auf den Hals des Pferdes gesenkt, das ohne Schenkeldruck unbeirrbar seinen Weg verfolgt.

Da verhält das Tier seinen Schritt. Unwillig blickt sein Reiter auf. Wer stört ihn hier?

Ein Söldner mit vorgehaltener Hellebarde versperrt den Weg.

"Platz! - Gib den Weg frei!" fährt der Reiter den Menschen an.

Beim Klang der tiefen Stimme springt der Söldner eilig seitwärts. Er hatte seinen Herrn, den Ritter Rupert von Ellar, erkannt.

In der Burg wurde Rupert bereits erwartet. Um den großen, Tisch in der Ritterhalle saßen bei gespenstisch flackernden Kienspänen eine verschworene Zahl Ritter: Ruperts Bruder Emich, Georg und Wighard von Weltersburg. Der Ankömmling wurde lebhaft begrüßt. Er setzte sich sogleich an das freie Kopfende des Tisches und trank in durstigen Zügen Wein aus dem dargebotenen Kelch.

Nach einem kurzen Nachdenken setzte er seinen gespannt lauschenden Zuhörern einen von ihm ausgeheckten Plan auseinander. Ein aus Frankfurt kommender Kaufmannszug sollte überfallen und ausgeplündert werden.

Wighard gab seine Zustimmung sogleich offen kund. Für das Gelingen wollte er schon seinen Teil beitragen.

Emich und Georg blickten nachdenklich in die goldenen Kelchgefäße, wo das unruhige Licht zitternde Reflexe auf das mit Wein vermischte Blut warf.

Wighard wandte sich ihnen zu und sagte:

"Georg - Emich! - habt Ihr mit uns nicht Blutsbrüderschaft getrunken? - Wollt Ihr feige abseits stehen?"

"Wir machen mit!" rief Emich.

Unbedeckten Hauptes, die Hand zum Schwur erhoben, leisteten sie sich gegenseitig den Eid.

"Einer für alle - alle für einen, Treue bis in den Tod!"

Rupert war zufrieden. In seinem Eifer stieß er gegen Arnulf schreckliche Verwünschungen aus. "Er steht bei allen meinen Handlungen im Wege," sagte er.

"Wir können ihn nicht bändigen" bemerkte Wighard. "Zu groß ist die Schar seiner Anbeter!"

"Einmal werde ich ihn fassen!" rief Rupert enthusiastisch, wie in einer Ekstase des Hasses die verkrampften Finger nach der Donarburg streckend.

Da stand der Rote, halb verdeckt vom Schatten Wighards, halb im rötlichen Feuerschein, wie ein grausamer Dämon, der bereit ist, sein Opfer zu erdrosseln.

Nur sehr langsam kam er zur Ruhe. Emich beschwichtigte ihn mit der Aussicht auf den hohen Preis, der ihnen bei dem Überfall auf den Kaufmannszug in die Hände fiele.

Erst lange nach Mitternacht, am Ende eines ausgiebigen Zechgelages kehrten die Ritter in ihre Weltersburg zurück.

Unweit der Dornburg liegt Rupert mit seinen ihm mit Herz und Hand ergebenen Komplizen auf der Lauer. Sein Beutel war arg zusammengeschrumpft, und der Zug der heimischen Kaufleute war ihm eine willkommene Beute. Nichtsahnend und blindvertrauend hatte ihm Hildegard von den unermeßlichen Schätzen, die die Wagen mit sich führten, erzählt. Sie brauchten nicht lange zu warten. Den hartgefrorenen Weg herauf kam langsam der Zug. Allen vorauf der reiche Kaufmann, in seinen Satteltaschen Gold und Geschmeide verwahrend. Plötzlich verschnaufte das Pferd. Ärgerlich gab ihm der Reiter die Sporen zu fühlen. Da - - -, noch keine Schrittlänge, und das Pferd stieg und schnaubte ängstlich. Ein Ritter mit schwarzer Maske fiel dem Gaul in die Zügel. Doch der Kaufmann war kein Feigling. Er riß den Dolch aus der Scheide und stach nach dem Ritter. Doch der war schneller. Er packte den Kaufmann vor der Brust und warf ihn in den Graben, daß ihm die Knochen knackten. Wighard sprang in den Sattel und jagte mit dem erschreckten Tier von dannen, quer durch die Büsche in den Wald hinein.

Die übrigen Ritter, ebenfalls mit Masken, fielen über die anderen Wagen her. In der bleichen Wintersonne glänzten die Hellebarden und Schwerter. Die begleitenden Knechte hieben wie wild auf die schaumbedeckten Pferde. Es half nichts. Die Raubritter hatten sie schnell abgestochen. Dann kam es zum Handgemenge. Äxte und Radspeichen waren den Lanzen und Schwertern der Ritter auf die Dauer unterlegen. Die Knechte schauten schon verzagend nach der Donarburg. Hell riefen, die Nothörner um Hilfe.

Plötzlich, wie der Blitz aus heitrem Himmel kam die Stadtwache auf ihren frischen Pferden zum Kampfplatz. Die vermummten Ritter sind schnell überwältigt. Man bindet und führt sie unter dem Jauchzen der Kaufleute und Knechte auf die Burg. Mit frischen Pferden versorgt, zog der Kaufmannszug langsam nach.

Die ganze Stadt war auf den Beinen. Jubelnd wurden die Sieger begrüßt. Auch Hildegard, die ja nicht ahnte, wer sich unter der Maske versteckt hatte, war unter der froherregten Menge.

Vor dem Rathaus wurde haltgemacht. Man riß den frechen Räubern die Masken vom Gesicht.

Ein Raunen und Flüstern geht durch die Massen. Sie stoßen und drücken sich in die Nähe der Gefesselten. Hildegard ist weiß wie Schnee. "Allmächtiger - - !" flüstern ihre Lippen, dann wird sie ohnmächtig. Hilfsbereite Hände tragen sie in ihre Kammer.

Es war gut, daß sie nicht die Drohrufe der Bürger hörte. Man wollte die Ritter lynchen. Der Bürgermeister wehrte die erregte Menge ab und ließ die Ritter in das Verließ bringen.

Arnulf war mißtrauisch geworden. Scharf ließ er Tag und Nacht die Stadt bewachen. Im "Hahn", auf dem von Wald umsäumten Totenwege und auf einsamen Waldpfaden trieb sich verdächtiges Gesindel umher. Die große Ziehbrücke war aufgezogen und der Burgfried mit Wächtern bemannt. Die Ratsherrn waren ernst und schweigsam. Angst und Schrecken bemächtigte sich der Bewohner. Lautlos machte sich das Schreckgespenst der Belagerung bemerkbar.

Wighard hatte Glück gehabt, unheimliches Glück. Er war als einziger der Gefangenschaft entronnen. Getreu seiner Blutsbrüderschaft hatte er mit geraubtem Gold und Versprechungen Söldner geworben, die Tag für Tag die Stadt berannten. Allein sie konnten den festen Mauern nichts anhaben. Die blutbedeckten Hellebarden der Stadtwache legten Zeugnis ab von der Wehrfähigkeit der Belagerten. Auf dem "Sandhübel" hatten sich Wighards verwegene Scharen festgesetzt. Kuriere Wighards und seiner verbündeten Ritter sandten oft dem Bürgermeister Fehdebriefe, in denen verlangt wurde, daß man die Gefangenen herausgäbe. Die Stadtväter wollten für die Gefangenen aber ein sehr hohes Lösegeld, was die Streitigkeiten in die Länge zog.

Die vielen Angriffe hatten die Söldner manchen Toten gekostet. Sie versuchten einen letzten Sturm. Als der mißlang, zogen sie ab. Die Bürger veranstalteten daraufhin ein Freudenfest. Die Menschen waren außer sich. Viele weinten vor Freude. Die Beklemmung der letzten Zeit wich von den Gemütern, und man sah wieder frohe Gesichter.

Ein Tag nach dem Abzug der Feinde war vergangen. Die Stadt rüstete zum Weihnachtsfest. Mit der Christmette wollten sie einen Dankgottesdienst verbinden. Männer und Frauen, alles, was nicht Wächterdienst hatte, begab sich zur St. Blasiuskirche. Auch der Bürgermeister, der alle Dienstgeschäfte beiseite gelegt hatte, ging mit seiner Tochter und deren Zofe durch die verschneiten Wege nach dem Clesberg. Unterwegs nahm er die Tochter beiseite und vertraute ihr das Ganggeheimnis der Burg an. Aus dem weiten schwarzen Umhang nahm er ein goldenes Kruzifix und ließ Hildegard einen Eid ablegen, daß sie das Geheimnis nie einem Sterblichen anvertrauen dürfe, es sei denn, daß jede Hoffnung vergebens sei und dieser Gang, der Burg und Clesberg verbände, die einzige Hoffnung wäre. Nachdem Hildegard den Willen des Vaters erfüllt hatte, gingen beide zur wartenden Zofe zurück und setzten schweigend, jeder mit seinen eigenen Gedanken, den Weg fort.

In der Kirche, wo die ganze Gemeinde bereits versammelt war, mischte sich Hildegard unter die Jugend. Während des Gottesdienstes beherrschte sie nur ein Gedanke: Wie kann ich Rupert befreien? Schaudernd dachte sie an den Eid, und doch hielt sie das Ganggeheimnis als einzige Möglichkeit, den Geliebten zu befreien. Nach langem inneren Kampf schien sie einen Entschluß gefaßt zu haben. Mit den Augen winkte sie der Zofe und verließ mit ihr unauffällig die Kirche. Die Posten hielten sie nicht auf. Eilig schritten sie zu einer verfallenen Hütte, im tiefen Walde. Sie wußten, daß Wighardt von Weltersburg hier hauste. Ängstlich horchten sie auf die Stimmen des Waldes. Das Gewissen hatte Hildegard betäubt. Ihr ganzes Sinnen und Trachten war auf die bevorstehende Befreiung Ruperts gerichtet.

Der Ritter empfing die Beiden mißtrauisch. Der alte Fuchs witterte Verrat. Doch die ersten Worte der Geliebten Ruperts verscheuchten alle Zweifel. Er leistete den Eid, das Ganggeheimnis nur für die Befreiung der Gefangenen zu verwerten. Begierig nahm Wighard die Wundermär auf. Heuchlerisch dankte er dem Mädchen für ihr Vertrauen und gelobte, das Ganggeheimnis zu wahren. Erfreut und bedrückt zugleich zogen die Mädchen wieder heimwärts. Wighard aber legte das Wehrgehänge um, sattelte sein Streitroß und sammelte die Söldner wieder um sich. Von diesem Zeitpunkt an hatte das Ganggeheimnis für die Burg Sinn und Zweck verloren.

Die Feinde hielten Kriegsrat ab. In ihrer malerischen Tracht saßen Ritter, Söldner und Leibeigene einträchtig beisammen. Wighard trug mit blitzenden Augen seinen Feldzugsplan vor. Zwei Ritter in blinkender Rüstung, den mit einem Schweif verzierten Helm neben sich im Grase, saßen ganz nahe bei dem Weltersburger. Sie schienen weither gekommen zu sein, denn, wenn sie sprachen, konnten die Söldner sie kaum verstehen. Zu ihren Füßen saßen gewaltige Hunde mit entblößten Zähnen, knurrend, als wollten sie sich im Augenblick auf einen unbekannten Feind stürzen. Mochten sie auch im Kampfe vor keiner Gefahr zurückschrecken, die Ritter hatten sie mit eiserner Hand in der Gewalt.

Es war spät in der Nacht, als zwei Söldner den Ring der Lagernden durchbrachen und auf Wighard zugingen. Dabei waren sie ängstlich bedacht, nicht in Reichweite der Bluthunde zu kommen, die einen furchterregenden Anblick boten. Sie gaben keinen Laut, aber ihre blutunterlaufenen Augen verdrehten sie so, daß vielleicht beherztere Männer wie sie einen weiten Bogen gemacht hätten. Jetzt standen sie vor dem Weltersburger. Die Männer nahmen die Kopfbedeckung ab, und der größte von ihnen, ein schwarzbärtiger Mann mit hängendem Schnurrbart, anscheinend der Wortführer, hub mit gedämpfter Stimme an zu sprechen:

"Euer Gnaden, die Bürger der Dornburg sind gen St. Blasi gegangen, allweil ist die Mauer frei. Wenn Ihr wollt, Herre, so kommt und folget uns, denn das Mauerloch ist ohne Wehr."

Wighard rief die Unterführer zusammen und beriet sich mit ihnen. Dann setzte er die Sturmhaube auf. Ritter und Söldner folgten seinem Beispiel.

Verkommenes Mordgesindel schleicht sich durch das Germbacherfeld. Bald verschlingt sie der dunkle Tannenwald. Man vermeint einen Spuk zu sehen, denn die Gestalten wechseln kein Wort. Nur ab und zu wird die Stille unterbrochen, wenn Eisen auf Eisen schlägt.

Unweit der Stadtmauer legen sie sich hinter Baumwurzeln, den Blick auf die Ritter gewendet, die Burg und Stadt beobachten. Wighard sieht nichts, was ihn beunruhigen könnte.

Da -, horch, ein Käuzchenruf!

Unheimlich hallt es. durch den Wald. Es ist das Zeichen zum Angriff. Bewegung kommt in die liegenden Männer. Die Schwerter und Lanzen in der Hand, die Visiere an den Helmen herabgelassen, schleichen sich die Ritter, immer im Dunkeln haltend, gegen die Stadt vor. Die beiden Kundschafter hatten bereits die Mauer erklommen. Tatsächlich ist die Mauerlücke unbewacht.

Wie die Katzen, behende und geräuschlos ziehen sich die Söldner an der Mauer hoch. Die Leibeigenen folgen.

Kalter Stahl bohrt sich erbarmungslos in die Herzen der noch vom Metrausch befangenen Verlieshüter. Der Weg für die Rache war frei. Mit den großen Schlüsseln, die im Gürtel eines Wächters stecken, wird die eiserne Tür aufgeschlossen. Die Gefangenen blinzeln die Ritter an, als kämen sie, um zu richten. Bald wurden sie eines anderen belehrt.

Als die eisernen Ketten, die den Roten von Ellar an die Wand fesselten, mit metallischen Klang zu Boden fielen, lachte der Befreite wie ein Wahnsinniger, daß es schaurig von den Gewölben widerhallte.

Die Mitgefangenen wurden ebenso schnell befreit.

Jetzt nahm der Ellarer das Regiment in die Hand. Seine nervige Faust umspannte das schwere Schwert. Auf seihen Befehl wurde die Burg angezündet.

"Heraus! Schnell in den, Gang, wir wollen die Hunde in der Falle fangen," schrie der Weltersburger.

"Rupert, Du hättest die Burg noch nicht anzünden sollen," zischelte Wighard. "Wie, wenn die Kirchgänger das Feuer sehen sollten?"

"Du bist ein simpler Einfalt," schalt der Rote. "Die Bürger haben Weihrauch in den Nasen. Wer kommt, kehrt nicht mehr zurück."

Der alte, stumme Priester saß in jener Zeit vor seiner Klause. Sein junger Kaplan hielt die Christmette. Nichts störte den Gottesmann in seiner stillen Betrachtung. Seine Seele erlebte erneut die Geburt des Herrn, dessen Geburtstag heute gefeiert wurde. Die heiligen Gedanken prägten sich in seinen Gesichtszügen aus, die verklärten Augen sind zu dem bißchen Bläue, das die mächtigen, schneebedeckten Wipfel uralter Bäume gleichsam widerstrebend sichtbar lassen, erhoben. Langsam wandert Bild um Bild an seiner Seele vorüber. Da läßt ein sanfter Wind die Zweige der Riesen zusammenrauschen. Der Alte empfindet es wie einen Atemzug der Natur.

Plötzlich wird die Himmelsbläue verdüstert - Rauch steigt auf. Ist ein Unglück geschehen? Brandgeruch legt sich schwer auf seine Lunge, nimmt ihm den Atem.

Der Priester umfaßt den knorrigen Eichenstock und humpelt ächzend nach der Stadt. Am Rande des Waldes, in der Nähe der Burg sieht er geschwärzte Gesichter. In der Mitte einer johlenden Meute Wighard, den geröteten Dolch in der Hand mit einem Flackern in den Augen, das Mord bedeutet. Er steht ihm zum Greifen nahe. Doch er kennt die Schwäche des Alters. Mutlos läßt er den schon erhobenen Stock sinken. Hastig humpelt er weiter. - Der schützende Wald hat ihn aufgenommen. Fast reicht seine Kraft nicht mehr. Immer wieder fällt er aufs Gesicht, das wie die Hände von unsichtbaren Domen zerrissen ist. Er gibt sein Äußerstes her. Hörbar rasseln die Lungen, das Herz klopft zum Zerspringen. Sein Gewand ist zerfetzt. Die Stirne von Erde braun. — Auf dem schmalen Pfad ringeln sich gleich Riesenschlangen gewaltige Wurzeln. Ähnlich vorhistorischen Ungeheuern tauchen im Dämmerlicht wuchtige Stämme vor ihm auf, deren Äste von schwarzem Moos überwuchert sind.

Da leuchten seine Augen auf. Er sieht den Wald sich lichten. In festem Umriß schiebt sich ein dunkles Gebäude vor: die Kirche, das Haus des Herrn.

Vor dem Allerheiligsten sinkt er anbetend nieder. Doch nicht lange, dann besinnt er sich auf die Vorgänge. Er nimmt die goldenen Apostelbildnisse von den Wänden und trägt sie nach dem nahen Brunnen. Näherkommendes Schreien beflügelt seine Schritte. Sein hastender Gang wird zum Laufen. Endlich hat er ihn erreicht. Die Bilder übergibt er dem Wasser.

Während der alte Priester tränenden Auges den kostbaren Schätzen nachschaut, wird er plötzlich auf der Oberfläche des Wassers im Brunnen eine Veränderung gewahr. Mit zunehmender Schnelligkeit bildete sich eine Eisdecke. Ein Dankgebet auf den Lippen verläßt er, so schnell es ihm sein Alter gestattete, in Richtung des Waldes die so unheimlich gewordene Stätte.

Derweil öffneten die Feinde den geheimen Gang. Viel zu langsam gaben die starken Eichenbohlen den wütenden Axtschlägen nach. Endlich war das Werk getan. Der Gang war frei. — Die Ritter, allen voran Ruprecht, stürmten durch die schmale Öffnung in den Geheim- gang, der sich zusehends verbreiterte. Wie Wölfe umkreisten sie die beutehungrigen Söldner.

Auf einmal staute sich der Zug. Der Gang hatte ein Ende gefunden. Die Söldner blicken ratlos auf die Führer. Doch auch diese fanden keinen Ausweg.

Ein findiger Mann unter den Leibeigenen erblickt eine schmale Spalte im Gestein. Sollte das die Rettung bedeuten? Allein, sagen sich die Ritter, wir müssen heraus aus dem Loch. Sie durften keine Zeit verschwenden.

Mann hinter Mann verläßt den Gang. Draußen sehen sie sich verwundert um. Sie befanden sich im Herzen der Stadt.

Ruprecht, wie ein aus dem Hades entstiegener Rächer, das rote Haar zerzaust und schweißig um die Stirn, das von Blut gerötete Schwert in der Rechten, raste inmitten der gierigen Meute durch die wehrlose Stadt und tötete in seiner maßlosen Wut alle, die sich ihm in den Weg stellten. Doch das Blut dämpfte ihre Rachegelüste nicht. Sie suchten Gold, - Gold und Edelsteine, um darin mit der Gier, die ihnen eigen war, nach wahrer Herzenslust wühlen zu können. Brennende Fackeln flogen in die Häuser. Das Wimmern und Stöhnen der Verwundeten erweichte ihre Herzen nicht. Sie waren verblendet, vom bösen Geist der Habsucht umgarnt. Noch war der satanische Plan, der im Gehirn des teuflischen Wighard gereift, nicht vollendet.

Die Bürger suchen zum Teil in der Stadtkapelle Schutz, Wighard bemerkt es.

"Laßt sie," sagte Rupert, "sie entgehen uns nicht."

Wighard hatte sich im Eifer ganz plötzlich an die Erzählung Hildegards erinnert, wonach sie mit einem Wollknäul durch den Gang geschritten sein sollte, den Faden hinter sich herlegend, den Weg zur Befreiung Ruperts damit bezeichnend.

Zurück in den Gang, hieß die Losung.

Nach langem Suchen fanden sie den Faden. Wo er endete, hatte die Mauer nach einer Untersuchung durch Wighard tatsächlich nicht die Stärke, wie die übrige Wand. Sie ließ sich wie eine Türe drehen. Der Gang fand sein Ende in der Sakristei der Blasiuskirche. Die Ritter standen an den Schlüssellöchern und sahen in die Kirche. Die Söldner höhnten die frohen Beter, die ihrem Schöpfer für die Errettung dankten. Gedämpfter Gesang drang durch die Türe.

Rupert legte den Finger auf den Mund und bedeutete den Söldnern still zu sein. Dann öffnete er die Türe spaltbreit:

Wohlriechender Weihrauchduft hüllte den Corpus des Herrn mit seinen Wolken ein, so daß es schien, als sähe das dornengekrönte Haupt des Schmerzensreichen, Vergebung spendend, aus dem Himmel auf seine Beter nieder.

Die Meute war zu roh, um diesen Augenblick fassen zu können, ihr Denken war zu niedrig. Auf den Wink Ruperts stürmten sie zähnefletschend zwischen die überraschten und töteten fast alles Leben. Das gefräßige Schwert raffte Alt und Jung hinweg.

Hildegard, vom Ekel erfaßt, floh.

Die Söldner erbrachen das Tabernakel. Die Altargefäße und Monstranzen wanderten mit. Die Feinde konnten alles gebrauchen. Der Zug mußte sich lohnen. In dieser Kirche war nicht viel zu finden. Sie suchten nach mehr.

Ruprecht gab den Befehl zum Rückzug.

In dichtgeschlossenen Haufen gingen sie wieder in die Stadt, um die goldenen Bilder in der Stadtkapelle zu holen. Die Flammen der brennenden Burg zeigten ihnen den Weg.

Hildegard stand auf einer Anhöhe. Ihr zur Seite hielt sich die treue - Dienerin. Mit Entsetzen vernahm sie die Qualen der dem Tod Geweihten. Ihr Vater lag vor ihr, das Haupt zeigte eine klaffende Wunde. Noch konnte ihr Geist die ganze Tragweite der Tat nicht fassen. Burg und Stadt boten ein einziges schauriges Bild. Die grelle Brandfackel lohte turmhoch zum nächtlichen, sternenbesäten Himmel. Zwischen verkohlten Trümmern bewegten sich zuckend brennende Menschen. Der Wind trieb schwarze Rauchwolken vor sich her. Wie wahre Teufel, vom roten Feuerschein gespensterhaft beleuchtet, sprangen die Feinde durch die Flammen. Sie achteten nicht auf berstende Mauern, nicht an den Tod, der die Sense wetzte zum letzten, grausamen Schnitt.

Ganz plötzlich stürzte mit einem unbeschreiblichen Wehlaut die stolze Stadt zusammen, Freund und Feind unter ihrer glühenden Asche begrabend. Kein Stöhnen mehr. Alles atmete eine dumpfe, unheimliche Ruhe, die nur vom heiseren Gekrächz der Wodanraben ab und zu unterbrochen wurde. Erst jetzt kam der jungen Herrin zum Bewußtsein, was sie angerichtet hatte. Die Zofe verstieß sie. Sie wollte niemanden mehr sehen. Ihre Liebe war zum Verbrechen geworden.

"Meineidige" zischten ihr Verzweiflungsgeister ins Ohr, "Verräterin" winselte der Wind, "Mörderin, - Mörderin!" erscholl es aus der Luft, flüsterte der Bach, raunte der Wald. Alles schien sich gegen sie verschworen zu haben. Eine ohnmächtige Angst überfiel sie.

Hastig, stolpernd mit aufgelöstem Haar, irrte das einst so blühende, Menschenkind durch die öde, trostlose, verkohlte Stätte. Kein Ohr vernahm ihre Selbstanklage. Der Geliebte war tot. Auch der Vater, der immer wieder Ratgebende, lag mit schwerer Schädelwunde auf dem blutbefleckten, geschändeten heiligen Berg. Die verständnisvolle Zofe, die mit ihr Freud und Leid immer schwesterlich geteilt, hatte sie in die Wildnis gejagt. Der Priester, der ihr so oft den Trost der Kirche gespendet, lag mit zerspaltenem Schädel vor dem entweihten Heiligtume.

Hildegard wollte büßen, Genugtuung leisten. Das böse Gewissen peinigte sie unaufhaltsam. Seelisch und körperlich zugrunde gerichtet starrte sie mit fieberglänzenden, übernächtigten Augen auf die schwelenden Trümmer. Das war ihr Werk. Wieder und wieder kehrte sie an die Leiche des Vaters zurück und hielt den Toten im Arm.

"Oh, - noch einmal, Vater - nur ein Wort --- Vater, sieh mich an . . . oh, ohne seine Vergebung muß ich vor den unbarmherzigen Richter . . . "

Sie war krank, psychisch und körperlich ein Wrack. Ihr Gesicht war verfallen, leichenfahl.

Wahnsinn und Entsetzen schrien aus ihren toten Augen. Kein menschlicher Laut mehr verließ den einst so frischen, jungfräulichen Mund. Ihr greisenhaftes Haupt zermarterte sie mit Vorwürfen.

Röchelnd lag sie angesichts der so geliebten Heimat im Staube und bat Gott um Verzeihung und Erbarmen; tagelang, - wochenlang. Hildegards Klagelieder zitterten über die einst so blühende Stätte; jetzt eine öde Wildnis, eine gezeichnete Stadt.

Immer wieder krümmte sie sich vor seelischem Schmerz und rief:

"Herr! - Meine Seele lechzt nach Dir, - verstoß mich nicht, - sei mir armen Sünderin gnädig, - sei barmherzig! - Oh, Du Erbarmer, wolltest Du aller Sünden gedenken, wer könnte vor Deinem Richterstuhl bestehen? - Oh, — antworte Herr, laß mich hoffen!!! ... "

In der Folge ängstigten sie immer mehr grauenhafte Vorstellungen. Sie nährte sich von wilden Beeren und Wurzelwerk. — Ihre Widerstandskraft schmolz dahin.

Dem Wahnsinn völlig verfallen, stürzte sie sich in einem Anfall von geistiger Umnachtung einen Felsen hinab, der heute noch aus ältester Zeit "Wildweiberhäuschen" heißt.

Zur Strafe geht Hildegards Geist ruhelos auf der Domburg um, bis ihre Tat gesühnt ist.