Kultur- und Geschichtsverein
Frickhofen e. V.

Aus der Fülle dieser Artikel möchten wir Ihnen - mit freundlicher Genehmigung des Verlages bzw. der jweiligen Autoren - in diesem Rahmen einige besonders interessante Beispiele zusammenstellen. Zur besseren Orientierung haben wir versucht, die jeweiligen Artikel thematisch zu ordnen.

Artikel von Heribert Heep

Entwicklung der Vereine in Frickhofen

Zur wirtschaftlichen, sozialen und politischen Situation in Frickhofen

Geschichte einzelner Familien und Personen

Zur Geschichte der Juden in Frickhofen

Weitere Themen

FRICKHÖFER FAMILIENGESCHICHTEN

Peter Schardt

Ein letztes Kuhgespann holpert über die Dorfstraße - von Schwalben begleitet, die nach einer fetten Beute haschen, wenn die Tiere für einen Augenblick die Fliegen verjagen, in der Gemeinde kehrt Ruhe ein. Es ist Sonnabend. Am späten Nachmittag, es ist halb fünf, treffen sich wieder Menschen auf der Straße. Sie eilen zur alten Kirche, zur "Salve-Andacht". Und da steht sie im Mittelpunkt der Gemeinde, die schöne Madonna mit Krone und Zepter, auf dem rechten Arm ihr Sohn, der ihr gleich mit ausgreifendem Blick die Zeit und Seelen erobert. Da steht die Schlangenzertreterin auf der Mondsichel, um die sich das listige Tier ringelt, mit dem Paradiesapfel im Maul. Da steht die Königin, kraftvoll und sanft:

Madonna mit Kind von Peter Schardt
"Salve Regina"

Wer die von Peter Schardt geschaffenen Figuren kennt, u. a. den Judas Thaddäus und eine Herz-Jesu-Statue, hervorragende Arbeiten, die deshalb auch bei privaten Besitzern einen besonderen Stellenwert einnehmen, wundert sich, dass sein schönstes Werk, die besagte Marienstatue, in der Gemeinde heute keinen Platz hat. Und dabei ist das Werk nicht nur geistig in der Westerwälder Marienverehrung verwurzelt, sondern auch der materielle Korpus ist auf und aus dem Westerwald erwachsen. Es ist das Holz der Linden auf dem Blasiusberg, die den Außenaltar umstanden, welche, im Sommer 1935 von Blitzschlag beschädigt, damals gefällt werden mussten.

Peter Schardt (Jeucke Peter) wurde am 02.12.1901 in Hamme bei Bochum geboren. Sein Vater war als Bauhandwerker in Bochum tätig. Etwa 1920 kam die Familie zurück nach Frickhofen, wohnte hier in der Vordergasse 32, beim Bäcker Johann Friedrich Leber, der späteren Bäckerei Bill. Peter, der noch in Hamme das Malerhandwerk erlernte, fand in Frickhofen keine Arbeit. Von Gelegenheitsaufträgen konnte er weder Leben, noch eine Familie gründen. Auf Arbeitsuche war Peter in Wiesbaden erfolgreich, einer Umgebung, welche seinem beruflichen und künstlerischen Interesse entgegen kam.

Im Jahr 1926 erwarb die Familie Schardt das Haus der Jüdin Reschen Kaiser, Witwe des Viehhändlers Sussmann Kaiser. Sie war 1925 total verarmt gestorben war. Als Georg Michael Schardt, der Vater von Peter, das neue Heim bezog, war die Vordergasse bereits anlässlich der Verabschiedung vom Geistlichen Rat Egenolf am 04.12.1925 zur Egenolfstraße umbenannt worden. Ob Peter noch im neu erworbenen Haus wohnte, ist ungewiss.

Peter Schardt mit Motorrad

In Wiesbaden, nahe seines Arbeitsplatzes, hatte er sich eine Wohnung genommen, so dass er nur an den Wochenenden mit seinem Motorrad nach Frickhofen kam. ln seinem Wohnort machte Peter die Bekanntschaft mit Klara Immel aus Dorndorf, welche in der Bäderstadt eine Anstellung hatte. Am 09. Mai 1936 schlossen Klara und Peter in der Maria Hilf Kirche zu Wiesbaden den Bund fürs Leben.

Die Kurstadt war Peters Zuhause. Frickhofen blieb seine Heimat. Die Heimatgemeinde, in der er nur etwa 15 Jahre lebte, hielt ihn in seinem Bann. In einer Zeit (Ende der 30er Jahre), da Glaube und Kirche unterdrückt wurden, sah er im Holz der Linden, was man in seiner Westerwälder Heimat verehrte: Maria, die Helferin in vielen Nöten, schälte und schnitzte er aus dem Holz der Bäume, die die geliebte Blasiuskirche umstanden.

Die Blasiuskapelle

Wie viele Maler und Künstler haben diese Kirche schon auf Papier gebracht, deren Bilder und Gemälde auf allen Kontinenten zu finden sind. Jeucke Peter malte die Kapelle, so wie diese seit 1885 auf dem Berg steht, und er wird einer der ersten gewesen sein, der so ihren Wert und die natürliche Ausstrahlung in die Häuser der Menschen brachte.

Blumengebinde aus der Natur und dem Garten der Eltern waren seine beliebtesten Motive. Mit dem Langholztransport hat Peter ein Stück Frickhofer Geschichte festgehalten, eine Zeichnung, die von seinem Können zeugt. Es ist auch die einzige Arbeit, bei der das Entstehungsdatum - 1937 - auszumachen war. Seine in Frickhofen aufbewahrten Arbeiten können wir etwa auf die Jahre 1938 - 39 datieren.

Nach dem Krieg, Peter hatte überlebt, doch seine Gesundheit war angeschlagen, kam er öfter mit dem Fahrrad nach Frickhofen, um besonders in den Hungerjahren 1946-47 etwas Eßbares für die Familie zu finden. Bestimmt hat auch seine Malerei zum Lebensunterhalt beigetragen. Das Leben im Land änderte sich 1948 mit der Einführung der D-Mark, der Wiederaufbau begann. Damit fand Peter wieder in seinen Beruf zurück. Mit Leidenschaft pflegte er sein Hobby weiter, selbst in Arbeitspausen, wie ihn ein Kollege erlebt hat, griff er zu Pinsel und Schnitzmesser, Werkzeuge, die bis ins hohe Alter nicht beiseite gelegt wurden.

Am 22. August 1979 stirbt Peter Schardt in Wiesbaden. Seine Lebensart ging ein in seine Lebenskunst, in der Gestalt seines Geschaffenen lebt er weiter. Leider sind die wenigsten seiner Werke bekannt, man muss diese schon verstreut suchen. Es sollte eine Aufgabe sein für Sohn Claus, die Kunstwerke seines Vaters ausfindig zu machen, denn die Werke von Jeucke Peter sind von großem Eigenwert, was die Nachwelt verpflichtet, sie in Ehren zu erhalten.

Franz-Josef Gresser