Kultur- und Geschichtsverein
Frickhofen e. V.

Aus der Fülle dieser Artikel möchten wir Ihnen - mit freundlicher Genehmigung des Verlages bzw. der jweiligen Autoren - in diesem Rahmen einige besonders interessante Beispiele zusammenstellen. Zur besseren Orientierung haben wir versucht, die jeweiligen Artikel thematisch zu ordnen.

Artikel von Heribert Heep

Entwicklung der Vereine in Frickhofen

Zur wirtschaftlichen, sozialen und politischen Situation in Frickhofen

Geschichte einzelner Familien und Personen

Zur Geschichte der Juden in Frickhofen

Weitere Themen

FRICKHÖFER FAMILIENGESCHICHTEN

Familie Stahl Trollmann

Frickhofen im Jahr 1809 gehört zum neu gegründeten Großherzogtum Berg, dem französisch besetzten Nassau Oranien im "Rheinbund" kontrolliert von Marschall Murat einem Schwager von Napoleon l. Die Bürger der Gemeinde mußten die geringen Lebensmittel mit den Feinden teilen, was natürlich Ärger gab. Gewaltige Veränderungen entstanden durch die Invasoren in Europa, verbreitet wurde Armut und Tod.

An diesen Wintertagen am 21.12.1809 wird Johann Stahl, Sohn von Peter Stahl, 1783 - 1877 in Frickhofen, Hinterstraße 185 geboren. Was die Familie von den wenigen Ruten ihres Feldes an Getreide und Hackfrüchten ernten konnte, reichte gerade zum Leben. Ein Rind, nur Knochen und das Fell darüber damit es nicht in der Feldküche der Franzosen gerät, zwei Ziegen wegen der Milch und das Federvieh stehen oder bewegen sich um ein windschiefes Stallgebäude hinter dem Wohnhaus. Von Lebens- und Wohnqualität keine Spur, Überbevölkerung zwang einen Teil der Bürger, das Herzogtum zu verlassen und in fernen Ländern eine Existenz zu gründen. Johann ist das zu unsicher und er bleibt, möglich auch auf Drängen von Maria Katharina Biedenbender, geb. am 23.10.1811, + 06.07.1890 "Bierebennersch", beide 1837 von Pfarrer Klau getraut werden. Das Paar wohnt in der Hinterstraße, aus dieser Ehe drei Söhne hervorgehen, Jakob, Johann und Peter. Vater Johann geht Handeln, Hausieren um den Lebensstandard seiner Familie zu verbessern, was offenbar erfolgreich war. da zwei seiner Söhne nach deren Volljährigkeit auch das Gewerbe betreiben. Nach einem arbeitsreichen Leben wird am 31. März 1875 für Johann das Requiem gesungen.

Jakob, der älteste Sohn, erblickte im Zeichen des Steinbocks, am 16. Januar 1838 das Licht der Welt. In seinen jungen Jahren nannte man ihn den Dorndorfer. ein Hinweis auf die Herkunft seines Urgroßvaters Fritz Stahl, "Trappfritz" aus Dorndorf, oder hatte er einmal im Zusammenhang mit den üblichen Reibereien zwischen jugendlichen der Gemeinden für die Dorndorfer Partei ergriffen? Mit seinem Vater zog er nach den Landschuljahren mit Kiepe und Hundegespann durch das Land, gehandelt wurde mit allem was das Leben der bescheidenen Menschen dieser Zeit benötigt. Seiner Flamme Katharina Schardt gab Jakob am 21. Januar 1862 das Ja-Wort in der verdienten winterlichen Ruhezeit der Handelsleute. Nach der Überlieferung war Jakob erfolgreich, was auf sein Angebot auf Eisen- und Gießereiwaren hinweist. Ob er den Vertrieb und Verkauf von Gußherden, die prächtigen Wärmespender der guten Stube noch in die fünfziger Jahre zu bewundern waren, in eigener Regie führte oder im Auftrag ist nicht bekannt. Durch Geschäftsbeziehungen mit einem Händler aus dem Dillgebiet namens Trollmann, der Eisenwaren vertrieb, bekam die Familie Stahl den Dorfnamen Trollmanns.

Georg und Elisabeth Stahl

Stahl Jakob wohnte mit seiner Frau in der Vordergasse 11, hier wurde der Sohn Georg Jakob geboren. Im Haus der Eltern blieb der Bruder Johann, der Vater von Ferdinand Stahl "Traffize-Ferdnand", der Landwirtschaft betrieb und für die Kinder der verwandten Landgänger verantwortlich war, das ihm in jedem Fall ein kleines Einkommen sicherte. In der Zeit um 1870 hatte der Landhandel Hochkonjunktur, die Frickhöfer zog es in den Osten Deutschlands bis Königsberg und Oberschlesien, in die westeuropäischen Länder bis nach Paris. In ihren Handelsbezirken lebten die Menschen den ganzen Sommer in Westerwälder Bescheidenheit. Von Jakob Stahl sind keine großen Landfahrten bekannt, er hatte sein Einkommen im heimischen Raum. Sein über den Horizont hinausreichendes Leben beschließt Jakob früh, vier Tage vor seinem 55. Geburtstag 1893, seine Frau Katharina folgte ihm Silvester 1918.

Georg Jakob Stahl "Trollmanns Schorsch", geb. 12. März 1869, erlebte eine zeitgemäße bescheidene Jugend. Da die Eltern Landgänger waren, wurde er von Pflegeeltern großgezogen, was sein Leben prägte.

Es gab wenige Menschen, die ihn einmal lachend gesehen haben, als Ausgleich dafür haben seine Zeitgenossen von seiner vielseitigen Begabung profitiert. Zum Barbier, im harten Deutsch Bartscherer, war er berufen, diese Praxis er sich bestimmt selbst angeeignet hat, einen Rasierteller als Aushängeschild gab es bei ihm nicht, die Schur fand nach Feierabend statt.

Bis zur Hochzeit mit Maria Laux, der Tochter des Händlers Philip Laux, am 29.12.1897 lebte und arbeitete Georg im Elternhaus, danach er mit dem Segen der Eltern mit seiner Angetrauten in die Vordergasse 11 ansässig wurde. Hier wurden 1898 Sohn Wilhelm und 1900 Albert geboren. Die Wohnverhältnisse der jungen Familie wird den Händlerfamilien Laux und Stahl nicht standesgemäß gewesen sein, deshalb wurde gemeinsam für bessere Bedingungen gesorgt. In der oberen Vordergasse erstellen Maria und Georg Stahl ein Wohnhaus, das ihnen nur wenige Jahre als Lebensraum bleiben sollte, was natürlich Fragen offen läßt, ob finanzielle Probleme verantwortlich waren oder die Geschäftslage.

Wohnhaus in der Langestrasse

In der Pfarrchronik aus dem Jahr 1904 schreibt Pfarrer Egenolf: "Zu diesem Zwecke kaufte ich im Oberdorf das von Barbier Stahl neu erbaute Wohnhaus an der Straße nach Wilsenroth gelegen - 6250 - Bausumme - und richtete dieses Haus als Schwesternhaus ein."

Die Söhne Hugo 1903 und Josef 1907 wurden in dem neuen Haus geboren. Die Familie findet ein bescheidenes neues Zuhause in der Langestraße 44, in dem später die Familie von Georgs Sohn Albert wohnte, dessen Sohn Willibald in den bescheidenen Räumlichkeiten am 01.03.1949 eine Friseurstube eröffnete. Eine schwierige Situation entsteht mit dem frühen Tod von Georgs Frau Maria am 10. Februar 1908, die nur durch die Solidaritätsgemeinschaft Familie überstanden werden konnte. Im folgenden Jahr, am 27 April 1909 heiratet Georg die Elisabeth Theresia Schardt, geb. am 06. Januar 1880, die eine große Aufgabe übernahm. Die Rasierstube reichte jetzt nicht mehr, um die Familie zu ernähren, aus diesem Grund Trollmanns Schorsch im oberen Teil des Grundstückes eine kleine Scheune mit einem Unterstand für ein Pferd errichtete.

Für seine Zeit baute er sich eine beachtliche Landwirtschaft auf, übernahm Fuhrdienste und Holzrücken im Gemeindewald. Eine andere Einnahmequelle, entstanden durch den Bauboom um die Jahrhundertwende, lagerte in der Gemarkung vor Seitert. Hier befindet sich eine bis zu zwei Meter starke Lehmschicht, die von der Familie Stahl zur Herstellung von Ziegeln auf einem familieneigenen Grundstück abgetragen wurde. Das Grundstück "Backstastek" befand sich oberhalb der heutigen Langendernbacher Straße, zwischen Lindenstraße und Lidl Markt. Zur Erinnerung, Theo Strieder errichtete 1949 auf diesem Gelände eine Zementwarenfabrik, dieses Gewerbe er am 01. März 1950 anmeldete. Für die Herstellung der Lehmziegel war die ganze Familie im Einsatz, die ältesten Kinder von Georg Jakob mußten mit Widerwillen und bloßen Füßen den Lehm stampfen bis er die richtige Dichte hatte, der dann vom "Vadder" das war die Anrede der Kinder zu Georg Jakob, in Formen gepreßt wurde. Zum Trocknen, das bis zu einem Monat dauern konnte, wurden die Ziegel in die Sonne gestellt, gegen die Laune des Wetters abgedeckt. Ob die Familie Stahl auch selbst Steine gebrannt hat ist nicht anzunehmen, wahrscheinlich wurden die Ziegelsteine bei Adolf Giesendorf, gebrannt, der zum Zwecke des Wilsenröther Kirchenbaues 1901 einen Brennofen erworben hatte. Wieviel der 70 000 Backsteinen unter der fachkundlichen Aufsicht von Pfarrer Egenolf von der Familie Stahl gefertigt und zur Baustelle von St. Bartholomäus gefahren wurden, ist nicht bekannt. Der Barbier Stahl hatte im Jahr 1912 eine Wasserrechnung von 15 Mark, das er zur Backsteinherstellung verbraucht hatte. Eine erfolgreiche Tätigkeit, die es ihm ermöglichte, das Haus vom Schuster Blank, genannt "Gigging", in der Egenolfstraße 10 zu erwerben, der sein Vermögen versoffen hatte. Das Anwesen bot seiner Familie mehr Raum, in der Zeit sein fünfter Sohn Edmund geb. 1910 in der Wiege lag. Die Schusterwerkstatt, mit dem Kundeneingang von der Mittelstraße, richtete er als Rasierstube ein. Auf dem zum Wohnhaus gehörenden Grundstück in der Mittelstraße errichtete er mit seinen selbst gefertigten Ziegelsteinen einen Stall mit Remise. Im Kriegsjahr 1916 wird Sohn Anton geboren. 1921, die ersten Kinder sind bereits aus dem Haus, erblickt Ewald das Licht der Welt.

Georg Stahl auf dem Herbstmarkt 1949

Trollmanns Schorsch, seine Vielseitigkeit ist bekannt, erkennt die gute Klimalage für Obstgehölze und setzt Bäume in Ortsnähe, vor allem Kirschen, die er pflegte und hütete. Ein Kirschbaum steht noch 2002 vor Seitert, oberhalb von Hermann Krämer. Das Obst verkaufte er im Herbst an die anreisenden Menschen aus dem Westerwald und Rhein-Main.

Die Zeit als Bartscherer läuft bei Georg Stahl ab, seit dem der junge Friseurmeister Theo Stahl, sein Geschäft 1923 eröffnet hat. Aber mit 71 Jahren ist er noch voller Energie oder Trollmanns Liss, seine 11 Jahre jüngere Frau sorgt für Bewegung. In seiner Rasierstube führte er ab dem 15.01.1935 Schleifarbeiten an Scheren und Messern aus, am 04. April 1944 erweitert er sein Geschäft mit Stahlwaren. Für die Situation nach dem Krieg spricht die Gewerbeanmeldung vom 15.01. 1949, Tauschzentrale, Ein- und Verkauf von Gebrauchtwaren und Buchverleih. Sein Interesse an der Öffentlichkeit in einer wieder erwachenden Gemeinschaft nach dem Krieg zeigt er am 22.10.1949 auf dem Herbstmarkt, den er mit einer Zigarre in der linken Hand scheinbar genoß.

Gott ergeben auf seine Fähigkeiten bauend, abhängig von den Gaben der Natur, lebte Georg Jakob Stahl und seine Frau Elisabeth, die ihn fünf Tage nach Allerheiligen 1949 verließ. Wie Millionen seiner Generation, noch im hohen Alter hatte er den Fuß in der Tür zur neuen Zeit, unfaßbar für sein erlebtes. Seine Schwiegertochter "Ensches" Maria und Sohn Josef, der das Haus übernahm und in demselben am 29.09.1951 "Das kleine Lädchen mit der großen Aus¬wahl" eröffnet, pflegten Georg in seinen letzten Lebensjahren, die von einer heimtückischen Krankheit überschattet wurde. Am 25. Juni 1952 nahm der Barbier Georg Jakob Stahl Abschied von seinen sieben Söhnen und ging den Weg alles Irdischen.

Franz-Josef Gresser