Kultur- und Geschichtsverein
Frickhofen e. V.

Aus der Fülle dieser Artikel möchten wir Ihnen - mit freundlicher Genehmigung des Verlages bzw. der jweiligen Autoren - in diesem Rahmen einige besonders interessante Beispiele zusammenstellen. Zur besseren Orientierung haben wir versucht, die jeweiligen Artikel thematisch zu ordnen.

Artikel von Heribert Heep

Entwicklung der Vereine in Frickhofen

Zur wirtschaftlichen, sozialen und politischen Situation in Frickhofen

Geschichte einzelner Familien und Personen

Zur Geschichte der Juden in Frickhofen

Weitere Themen

Westerwälder Bettel- und Handelskinder

Bild aus dem TV-Film 'Schwabenkinder' mit T. Moretti

(I)

Im April I. J. (2003) wurde im Ersten Programm ein Historienfilm über Kinderarbeit im Deutschland des Kaiserreichs gezeigt. Der halbdokumentarische Streifen mit dem Titel "Schwabenkinder" führte in einer spannenden Zeitreise in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. In den Bergdörfern Tirols und einiger schweizerischer Regionen herrschte bittere Armut. Wenn in einer Familie - wie in der Filmgeschichte - die Mutter von unmündigen Kindern gestorben war oder gar der Vater als Haupternährer ausfiel, sah man damals keinen anderen Ausweg, als ein oder mehrere Kinder für eine Saison ins Schwabenland zu "verkaufen". Anfang März etwa wurden die 12- bis 16-jährigen "Schwabenkinder" eines Dorfes einem so genannten Kooperator anvertraut, einem Betreuer und Zwischenhändler, der den ein- oder zweiwöchigen beschwerlichen Fußmarsch durch die Winteralpen bis in die Bodenseeregion organisierte, um dort auf den Gesindemärkten die Jungen als Hütebuben oder Handwerkerhilfen und die Mädchen als Haus- und Hofhilfen zu verdingen. Im Spätherbst hatte er die Kinder wieder in die Heimatdörfer zu bringen und das ausgehandelte Gesindegeld den Eltern auszuhändigen.

Solche Geschichten kann man auch über den Westerwald erzählen. Hier war die Kinderarbeit aber immer schon in die Landgängerei der Westerwälder Hausierer und Händler eingebettet. Johann Plenge schreibt 1898 über die Anfänge der "Landgänger im Westerwald" in der Zeit um 1840: "Während der Hausierhandel, der vom westlichen Westerwald ausgeht, sich ganz natürlich aus der heimischen Industrie entwickelt hat (z. B. Töpferwaren des Kannebäcker Landes. H.H.). ist die jüngere Landgängerei des Elbthalgebietes ohne solche Anknüpfungspunkte an heimatliche Zustände erwachsen, obgleich ihr plötzlicher Aufschwung nicht unvorbereitet war. Die Bevölkerung war seit langem beweglich, der Zug der Erntearbeiter bestand seit Jahrhunderten, manche wanderten bereits als Bauhandwerker in die Fremde und an die kleinen bäuerlichen Industrien hatte sich mehrfach ein Hausiervertrieb angesetzt (z. B. die Thalheimer Dippe-Macher und die Dorndorfer Leineweber. H.H). Vom Westen her war sogar vereinzelt die Landgängerei übertragen. In mehreren Orten, wie Irmtraut und Hundsangen einerseits, in Frickhofen andererseits hatte sich anscheinend selbständig ein kleiner auswärtiger Wanderhandel gebildet, und erst von Elz, dann auch aus anderen Orten waren Musikbanden fortgezogen, wobei sich schon Einflüsse von der Wetterau her nachweisen lassen: die Anfänge bilden die erste Periode der Landgängerei des östlichen Westerwaldes."

In einigen Landgemeinden der Wetterau war die Landgängerei schon seit längerem Gewohnheit. Die alte Handelsstraße vieler wetterauischer und usingischer Händler führte über den Westerwald und so lag der Gedanke und die Praxis nahe, dass die fremden Landgänger vom Taunus auf dem Weg durch den Westerwald das Gesinde, das sie für ihr Gewerbe brauchten, anwarben.

"Nach mündlicher Überlieferung", so Plenge weiter, "erschienen auf der Lasterbach zuerst 1842 und 1843 Händler aus Espa, Maibach, Niederweisel und Münster und engagierten Kinder im Alter von etwa 14 bis 16 Jahren zur Reise nach Dänemark und Russland, wo die Knaben die Ziehharmonika spielen und mit Fliegenwedeln und Papierbumen handeln sollten. Damals war Misswachs auf dem Westerwalde: 'Ich musste jeden Morgen hungrig zum Viehhüten, einmal habe ich zwei Tage lang nicht gegessen, es war nichts da.' Verdienst war nötig. Die Kinder sollten 35 bis 45 Gulden und ein Paar Schuhe bekommen.

Hier gingen zwei, dort vier, sechs, selbst 10 bis12 Burschen, meist aus Tagelöhnerfamilien mit; Oberroth, Westernohe, Waldernbach, Lahr und Niederzeuzheim waren ziemlich von Anfang an beteiligt. Das ging einige Jahre so weiter, dann hatte das neue Gewerbe auf dem Westerwald selbständigen Boden gewonnen."

Die so genannten Fliegenwedel waren wahrscheinlich eine Erfindung aus der Gegend um Butzbach: Man schnitzt aus Weidenstöcken ca. 40 cm lange Striemen, die sich nach außen zu einem Kranz krümmen; man bemalt sie mit leuchtenden Farben, bindet sie am Ansatz mit einem bunten Faden zusammen und verkauft sie als Fliegenwedel (siehe Abbildung). Weiterhin wurden bunte Papierblumen oder solche aus bunt gefärbten Holzspänen auf ein Holzrund geklebt. Das nannten die Händler - offenbar als Nippes für den Kaminaufsatz "fireplace". Als in den 50er und 60er Jahren sich die Westerwälder Händler selbständig machten, erweiterten sie die Palette der Nippes- Waren: Aus buntem Wachs wurden Blumen und Früchte gestaltet. Man flocht aus Stroh Nähkörbchen, kleine Teller und Decken, Bürsten-, Kamm- und Wischtuchtaschen usw.; aus Stroh und Blumen wurden kleine Ampeln gemacht. Die mitgenommenen Buben mussten oft bis spät in die Nacht hinein über solchen Arbeiten sitzen. Skandinavien und Russland wurde zunächst das Hauptgebiet des Westerwälder Handels mittels Kinder-Verkauf. der sich damit von dem westwärts gerichteten Zuge der Wetterauer trennte. Freilich riss auch der Verkehr mit Frankreich. Belgien und England nicht ab. Noch in den 60er Jahren verkauften Westerwälder Buben in London ihre Fliegenwedel und sangen dazu: "A little one for the baby, a great one for the lady."

Von Kindern angebotener Fliegenwedel

Zurück in die Frühzeit des Kinderhandelwesens der 1840er Jahre, wie sie Plenge beschreibt: "Die Reise mit den Hessen ging meist zu Fuß nach Hannover, Hamburg und Lübeck, von da weiter nach Dänemark oder später zu Schiff nach Russland. Die selbstgegossenen und gefärbten Wachsvögel, die Fliegenwedel und die Papierblumen waren ein nur Aushängeschild: man musste doch etwas in der Hand haben. Die Hauptsache war der Bettel. Die Jungen mussten Harmonika spielen, das Triangel schlagen und deutsche Volkslieder dazu singen, und wer geschickt war, schlug Rad und Purzelbaum oder suchte durch allerhand kleine Kunststückchen den Passanten einige Kupfer aus der Tasche zu locken. 'Was thut der Deutsche nicht für Geld', wie die dänische Redensart heiß. Die Westerwälder Buben waren das Betteln von Hause gewohnt. In den 30er bis zu den 50er Jahren gab es daheim Scharen von Bettelleuten. Das schändete nicht mehr, auch draußen war es ein ehrlicher Bettelsmannsberuf einer armen Gegend."

Die Kinder hatten ein hartes Leben: schlechte Kost, schlechte Wohnung, elende Wirtshäuser, Ungeziefer und häufig Misshandlungen; german slaves, des esclaves allemands hat man die kleinen Musikanten im Westen genannt. Nur wer von Haus aus wild und ungebärdig war, konnte es sich erträglich machen, denn die Hessen fürchteten - außer in Russland - ausländische Behörden.

Was die Kinder zu Haus erzählten, erregte Missstimmung gegen die fremden Unternehmer. Dazu kam, dass einige hessische Unternehmer bei der Heimkehr der Kinder deren Lohn zu kürzen suchten. Nach Prozessen in Butzbach sollen sie gelegentlich Prügel bekommen haben. Seit 1845 erschienen sie auf der Lasterbach nicht wieder. Im Elbthal, z. B. in Langendernbach, sind sie noch in den 50er Jahren da gewesen, aber dann wegen der höheren Löhne der Westerwälder Unternehmer fortgeblieben, ...Die Hessen war man also der Hauptsache nach bald losgeworden und schon Ende der 40er Jahre war eine Anzahl Westerwälder Unternehmer da, einzelne Sippen, die in Oberroth, Westernohe, Irmtraut und Langendernbach saßen (Wingenbach, Traudt, Zoth, Luck).

Um 1860 wurde dem "Menschenhandel" von den Lokalbehörden des Oberwesterwaldes ziemliche Aufmerksamkeit geschenkt, vielfach der Pass verweigert oder mindestens ein Bericht des Bürgermeisters über die Herrschaft eingefordert. Nach diesen Aufstellungen waren es nur etwa 25 14- bis 18-jährige Jugendliche aus Hahn und Höhn, Irmtraut und Öllingen, die jährlich als Gesinde mitgenommen wurden. Plenge meint aber, dass das Zentrum des Rekrutierungsgebietes von Handelskindern im unteren Westerwald gelegen habe. Er nennt die Gemeinden Seck, Winnen, Gemünden, Pottum, Elsoff, Mittelhofen im Amt Rennerod, von Hausen, Lahr, Waldmannshausen, Dorchheim, Dorndorf, Steinbach, Ahlbach, Waldernbach im Amt Hadamar. Auch von den Dörfern Dehrn, Dietkirchen und Mengerskirchen wird gehandelt. "In der Blütezeit um 1857 mögen jährlich etwa 100 Unternehmer mit 250 bis 300 eigenen und fremden Kindern in die Welt gezogen sein. Die oben angegebenen Zahlen entsprechen der mündlichen Überlieferung, dass vorwiegend Knaben mitgenommen wurden"

(II)

Um 1840 entwickelte sich die Landgängerei. die im Westerwald schon immer vereinzelt betrieben wurde, zu einem größerem "Gewerbezweig". Angeregt durch Hausierer aus dem Wetteraukreis. nahmen die Westerwälder Landgänger vielfach Kinder und Jugendliche mit auf ihre ausgedehnten Handelsreisen, die sie nach Westen (Frankreich, Belgien, England), nach Norden (skandinavischen Länder) und vor allem nach Russland führten. Mit dem Kinder-Handel veränderten sich freilich die Handelsobjekte und die Handelsart. Es war mehr ein Betteln als ein Handeln; die angebotenen Waren: Fliegenwedel, Papierblumen, Heiligenbilder etc. waren mehr Aushängeschilder, um was in der Hand zu haben.

Die Not im Westerwald muss groß gewesen sein, wenn Eltern ihre 14-jährigen Jungen und Mädchen fremden Landgängern für den Bettelhandel im Ausland anvertrauten. Aber es gab eben bares Geld dafür, 50, 60 oder 70 Gulden für die Eltern, mit einem Kontrakt besiegelt, der vor dem Bürgermeister abgeschlossen wurde. Ein Beispiel für so einen Handelsvertrag überliefert der Ökonom Johann Plenge in seinem Buch "Westerwälder Landgänger" (1898):

"Geschehen Höhn, den 27. Merz 1861. Anwesend: der Bürgermeister Adam. Es erscheint Johannes Zimmermann von hier und Georg Schmidt II und Philipp Groß II von Hellenhahn und tragen vor Ersterer habe an Letzeren seinen Sohn Johann von Ostern bis Oktober dieses Jahres als Dienstknecht gegen den Mietlohn von Sechzig Gulden baar und ein paar Neue Schuh vermüthet, die Bezahlung geschieht Oktober d. Js. Zehn Gulden werden gleich, sowie die Neue Schuh sind ebenwohl gleig zustellen und Bezahlt. Sollte der Dienstknecht sich ohne genügende Gründe aus seinem Dienst Endfernen, so sind die dienst Herrn befugt solgen Polizeilich in seinen Dienst einzuweisen. Reisekosten können nicht am Dienstlohn in Abzug gebracht werden". Es folgen die Unterschriften des Vaters, der Unternehmer und des Bürgermeisters.

Wenn die Reise nach Russland ging, wurden auch Kontrakte über mehrere Jahre abgeschlossen, wie die folgende Schilderung eines "alten Bergarbeiters über seine Jugenderlebnisse" zeigt, die ebenfalls Plenge überliefert hat:

"Ich bin 1863 als 15-jähriger Junge mit nach Russland gegangen und bis 1870 dort geblieben. Zu haus war arme Zeit und ich konnte nichts verdienen, so erhielt ich doch im ersten Jahre 36, im folgenden 100 Gulden, die ich ganz nach Hause schicken konnte. Kleider bekamen wir von den Herrschaften, bei denen wir musicierten, reichlich geschenkt.

Unser Herr reiste mit zwei anderen Unternehmern zusammen und jeder hatte vier oder fünf Jungen bei sich, die alle etwa in meinem Alter standen. Außerdem waren ein paar Mädchen dabei. Wir reisten im Frühjahr zuerst nach Hamburg, da bekamen wir eine gute Harmonika, nachdem wir im Winter auf einer geringen die Musik gelernt hatten. In Lübeck haben wir drei Tage gespielt, dann reisten wir nach Kronstadt und hielten uns zwei Jahre abwechselnd in Moskau und Petersburg auf. In den Städten mietheten unsere Herren eine eigene Wohnung. Zehn bis zwölf Jungens schliefen auf Strohsäcken in einem Saal, die Mädchen hatten zusammen eine eigene Kammer, ebenso wohnten die Unternehmer besonders.

Die Herren hausierten nicht, sie besorgten die Küche, gingen spazieren und saßen im Wirthshaus. Das Essen war so schlecht, daß die Herren selbst Mittags fortgingen. Abends gab es fast immer Kartoffeln und Gurkensalat, die Gurken waren gut und billig. Fleisch bekamen wir nur zu Weihnachten und Ostern. Wir haben uns deshalb meist draußen in den Küchen der Herrschaften was erbettelt. Zum Frühstück um 10 Uhr verabredeten wir Jungens uns auch wohl in ein Theehaus, tranken ein Glas Thee zu fünf Kopeken und aßen Brot, das wir beim Bäcker gebettelt hatten. Im Winter war es zu kalt, um auf der Straße vor den herrschaftlichen Häusern und Villas zu spielen, wir musicierten in den Wirthshäusern und bettelten uns Essen, oder suchten 10 Kopeken Übergeld zu machen, um Essen kaufen zu können.

Die Mädchen kamen auch mit in die Theehäuser und dann haben wir mit ihnen geulkt. Einzelne waren sehr frei und es ging furchtbar durcheinander. Einige Burschen haben sich in Badeanstalten gemeinschaftlich gewaschen oder sich in einer Wirtschaft ein Zimmer geben lassen. In der Wohnung durften sie nichts thun. Mit Kindern ist es meistens gut gegangen.

Wir bekamen fast alle festen Lohn, einzelne waren auf Halbschied mitgenommen, wobei der Herr aber Reise, Wohnung und Essen bezahlen musste. Wir andern mussten jeden Tag eine bestimmte Summe abliefern, wer Harmonika spielte, einen Rubel, wer mit Bildern handelte, zwei Rubel. Bei anderen Unternehmern mussten die Jungen drei bis vier, oder sogar fünf bis sechs Rubel Fixgeld abliefem. Eigentlich sollten wir auch das Übergeld abliefern. aber wir thaten es nicht immer und haben es für uns verwendet, weil wir es nicht nach Hause schicken konnten. Nachts wurden manchmal die Anzüge nachgesehen, ob wir Geld behalten hätten, aber wir hatten es gut versteckt oder legten die Jacke - Hemd und Hose behielten wir an - zusammengerollt unter dem Kopf. Einmal hatte ich fünf Rubel für mich; die hatte mir ein dicker Russe hingeworfen, der einen Wald verkauft hatte und sich ein paar Stunden von mir zum Schnaps aufspielen ließ.

Wer sein Geld nicht hatte, bekam Prügel, - nicht gleich das erste mal, aber wenn es öfter vorkam. Wir hatten einen Jungen bei uns, der hatte keine Natur, um auf den Mann loszugehen und bracht oft nur 20 Kopeken heim; dafür wurde er oft vier mal in der Woche geschlagen. Außerdem gab es Schläge, wenn zwei zusammen gegangen waren, weil das das Geschäft verdarb. Die Burschen aus anderen Dörfern sagten immer nach, wir aus unserm Orte haben aber doch zusammengehalten und einander oft ausgeholfen. Beschwerden bei der Polizei nützten nichts, ein Fünfrubelschein gab den Unternehmern recht. Wenn die Mädchen Fehlgeld bekamen, haben sie sich auch auf Unrechte Weise von den Russen Einnahmen verschafft.

In Petersburg hatte ich es manchmal gut. Als ich einmal auf der Straße ein deutsches Lied gesungen hatte, wurde ich von zwei Frankfurter Damen ins Haus gerufen, die mit Officieren befreundet waren. Ich musste ihnen viel erzählen, da haben sie geweint und mir gesagt, wenn ich Fehlgeld hätte, sollte ich immer zu ihnen kommen. Andere Deutsche, die so lebten wie diese Fräulein, habe ich nicht kennen gelernt und von Nassauerinnen gar nichts gehört. Wir spielten öfter im Hofe bei der Madam Metz aus Mainz, in deren Bordell sollen Darmstädtische Mädchen gewesen sein. In den gewöhnlichen Häusern waren nur Russinnen.

Mit der Musik war es die reinste Bettelei. Einer aus dem Dorf ist mit der Harmonika unter dem Arm und dem Hute in der Hand von Haus zu Haus gegangen, ohne zu spielen und sagte nur, 'um Gottes Willen'. Jetzt ist er in Westfalen Berginvalide und hat eine gute Heirat gemacht; es war ein braver Bursche. Auch die Bilder wurden vielfach nur aus Mitleid gekauft. Wir bezogen sie kistenweise aus Frankfurt und, was drei Kopeken gekostet hatte, wurde zu mindestens 10 Kopeken verkauft.

Es waren ganz rohe Dinger, nicht so schön, wie sie jetzt sind: Jägers Leichenzug, Wilddiebe, Landschaften, Christus, Abendmahl und Heiligenbilder.

Als wir zum zweiten Male in Moskau waren. bin ich im Oktober vier Wochen vor der Abreise durchgebrannt, um mir nicht die Knochen entzweischlagen zu lassen. Noch als ich fünf Jahre später keine Schläge mehr bekommen hatte, konnte ich noch die Male auf Rücken und Schultern zeigen. Ich hatte mit Bildern handeln sollen und das verstand ich nicht.

Ich habe darauf erst eine Zeit lang auf einer Gärtnerei gearbeitet und bin dann nach Moskau zurückgekehrt und bei einem Waldernbacher drei Jahre gewesen, bei dem ich es sehr gut hatte. Im Sommer reisten wir mit einem italienischen Wagen die Wolga herunter über Nowgorod, Kasan, Samara, Saratow und hielten uns an den Hauptpätzen vier bis sechs Wochen auf. Im Winter waren wir in Moskau.

Die letzten beiden Jahre war ich selbständig und habe meist in Orel gespielt. Dort musste ich in vier Frauenhäusern Musik machen, in alten waren nur russische Mädchen. Manchmal habe ich an einem Abend drei bis vier Thaler eingenommen. Einmal war ein Officier da. der gab mir 10 Rubel, dem musste ich in seinem Zimmer aufspielen. Er wollte auch eine Dirne für mich bezahlen, aber es war mir doch zu niederträchtig, mich mit so einer einzulassen.

Schließlich bekam ich Heimweh. Mir träumte jede Nacht, ich wäre zu Hause und am Morgen war es nichts. Ich bin dann wieder nach Petersburg gegangen und nach der Kriegserklärung 1870 wurde ich nach Hause befördert."

(III)

Am 23. April 1844 wurde von der Regierung in Wiesbaden ein Generalrescript, das Mitnehmen von Knaben und Mädchen von Fliegenwedelhändlern, Musikanten usw. nach Rußland, England und Frankreich betreffend (Ad Num. Reg. 16777), erlassen.

"Es ist früher zu Unserer Kenntniß gekommen, daß aus einzelnen Orten des Herzogthums Knaben, die kaum aus der Schule entlassen waren, sowie Mädchen, von erwachsenen Personen in das Ausland, insbesondere nach den oben bemerkten Ländern, mit genommen worden sind, um sie bei dem Musiciren, dem Handel mit Fliegenwedeln oder mit anderen zum Hausiren bestimmten geringfügigen Gegenständen zu benutzen und dass mitunter solche Knaben und Mädchen von ihren Führern zu unerlaubtem Erwerb durch Betteln und unsittliche Lebensweise verleitet worden sind.

Wir haben in Folge hiervon durch Verfügung an die betreffenden Ämter die Beschränkung eintreten lassen, daß das Reisen von Knaben und ledigen Weibspersonen in den bezeichneten Fällen nur gestattet werden soll, wenn sich dieselben in Begleitung ihrer Eltern befinden.

Wir finden Uns veranlasst, diese Vorschrift nunmehr für sämmtliche Ämter zu ertheilen. Sie werden die Herzoglichen Schultheißen instruiren. in den über das Ansuchen solcher Personen um Ertheilung von Reisepässen an das Amt zu erstattenden Berichten, den Zweck der Reise und in welcher Begleitung dieselbe vorgenommen werden soll, genau anzugeben. Wir empfehlen Ihnen die Überwachung der genauen Vollziehung der Bestimmung und ermächtigen Sie zugleich, Pässe auch Mädchen, welche mit ihren Eltern reisen wollen, zu verweigern, bei welchen die Nachweisung vorliegt, dass sie bei einer früheren Reise solchem unerlaubten Erwerb im Ausland oblegen haben.

Sollten Einwohner aus dem Großherzogtum Hessen, was vorgekommen ist, ledige Weibspersonen und Knaben abwerben wollen, um ihnen bei dem Fliegenwedelhandel, dem Muisicieren etc. behülflich zu sein, so sind dieselben unter Strafandrohung für den Wiederholungsfall auszuweisen. Wir machen schließlich darauf aufmerksam, dass diese Beschränkung in Ertheilung der Reisepässe auf junge Bursche, welche das Musiciren als Gewerbe betreiben, keine Anwendung findet."

Anlass für diesen allgemeinen Erlass, dessen Zielrichtung sich insbesondere auf die Mitnahme "lediger Weibspersonen" bezieht, mag der Fall der Elisabeth Engers gewesen sein, über den im Januar 1844 alle größeren deutschen Zeitungen berichteten. Dabei wurde der Eindruck und Verdacht von Zuhälterei und Prostitution erweckt. Am 9. März 1844 war die Nassauische Deputiertenkammer mit dem Fall befasst. Schließlich wurden mit Schreiben vom 5. Juli die Bestimmungen noch verschärft: "Mit Bezug auf Unser Rescript vom 23. April d. J. eröffnen wir Ihnen, dass in den in demselben bezeichneten Fällen nunmehr auch Eltern nicht gestattet werden soll, ledige Töchter mitzunehmen". Im Weilburgischen war es außerdem in jenem Jahr vorgekommen, dass schulpflichtige Kinder mit auf den Handel genommen wurden. Anscheinend auf Anregung von nassauischer Seite, um den Zug nach Holland und England zu hindern. wurde von den Preußischen Regierungen zu Koblenz, Trier, Köln und Düsseldorf zuerst für die ausländischen Fliegenwedelhändler, dann für alle auswärtigen Hausierer bestimmt, "daß Händler in Begleitung unverheirateter Frauenzimmer und unselbständiger Knaben, soweit sie nicht aus der Schule entlassen sind und sich in Begleitung der Eltern befänden, per Schub in ihre Heimat befördert werden sollten".

Was nun tatsächlich draußen auf dem Handel passierte, ist aus den verschiedenen Schilderungen nicht einfach herauszuschälen, denn aus unterschiedlichen Gründen wurde das Geschehen aufgebauscht oder heruntergespielt. Den andern Deutschen im Ausland (Geschäftsleute, Journalisten etc.) "waren die Hausierer und Musikanten ein Dom im Auge. Sie hassten sie geradezu wegen der angeblichen und wirklichen Misshandlungen der Jungen und wegen der den Mädchen nachgesagten Zugänglichkeit, weil das Gewerbe den deutschen Namen schändete. Aus diesen Gefühlen der Deutschen von gekränktem Patriotismus stammen z. B. die Geschichten von Braun", einem Autor, der vielfach Zuhälterei und Prostitution bei den jungen Händlerinnen schildert. Plenge hält dagegen, dass die Händler-Mädchen nicht in die Prostitution verhandelt worden sind. "Einzelne suchten freiwillig unsittlichen Nebenerwerb, dafür war in Russland wohl ein günstiges Feld, andere haben mit den halbwüchsigen Genossen Umgang gehabt oder sind von den Herren missbraucht worden. Ganz ohne Grund ist das Gerede freilich auch nicht. 'In Christiania habe ich es miterlebt, dass so etwas vorkam,' erzählte ein zuverlässiger Landgänger in Gegenwart des Ortsbürgermeisters. 'dort ging ein Mann aus Hof bei Marienberg mit zwei Töchtern hausieren, die Mädchen waren wie Milch und Blut: im Winter sind sie nicht heimgekommen, der Vater selbst hat sie in ein öffentliches Haus verkauft.' In Westernohe ließen sich zwei andere Fälle ermitteln. Ein eigentlicher Mädchenhandel aber ist nach Aussage aller zuverlässigen Auskunftspersonen, die in jener Zeit in Russland waren, niemals vorhanden gewesen. Die Rheindeutschen, die die Westerwälder in russischen Bordellen trafen, waren aus Mainz und Frankfurt." Einige der Fälle, die Plenge von dem o. g. Braun zitiert (und dann vom Vorwurf der Prostitution reinwäscht), beziehen sich auf den heimischen Raum: "Aus Steinbach sind zwei Mädchen 1665 nach Russland mitgenommen und bis Ende 1866 nicht heimgekommen, sie hatten sich mehrfach mit dem Unternehmer gezankt, 1866 hatte die eine geschrieben, dass sie jetzt mit einem hessischen Unternehmer in Taganrog sei. In Ahlbach sind zwei 1864 mitgenommene Mädchen 1866 noch nicht heimgekehrt, die eine hat am 2. Mai 1866 von Petersburg zuletzt geschrieben, daß sie von der Herrschaft fortgejagt wäre, weil sie zweimal Fehlgeld gemacht und dann nicht heimgekommen wäre. (Wenn man ihr die Kleidungsstücke abgenommen hat, so handelte es sich um erbettelte Kleidungsstücke, über die es öfter zwischen den Herrschaften und dem Gesinde zum Streit kam). Um 1840 wurde ein Mädchen aus Waldembach ausgeführt und kam nicht wieder. Viermal war ein Mädchen aus Lahr von Wien zurückgekehrt, ging dann als Angeworbene nach England und kehrte nicht zurück." Plenge fragt zu diesen Geschichten: Wo ist da ein Grund, an Prostitution zu denken?

1866 veröffentliche ein junger Pfarrer aus der Gemeinde Espa in der nördlichen Wetterau eine Erzählung mit dem Titel "HurdyGurdy". Den Heutigen ist die Bezeichnung "hurdy-gurdyman" von dem Pop-Sänger Donovan bekannt: ein Spielmann mit dem buntbemalten hurdygurdy-Wagen der fahrenden Leute in England und Amerika. HurdyGurdy war ursprünglich ein englisches Alltagswort für Drehorgel. Wenn diese aber von jungen Mädchen gespielt wurden, brachte es die hurdy-gurdy girls ins moralische Zwielicht. Über die Anfänge der hurdy-Gurdy-Mädchen berichtet das "Intelligenzblatt für die Provinz Oberhessen" am 1. März 1834: Die Fliegenwedelhändler aus Espa. die mit Jungen und Mädchen jährlich nach England zogen, fanden heraus, "dass die jungen frischen Mädchen den reichen Engländern besonders wohl gefielen. Das merkten sich die Fliegenwedelhändler, und dungen sich Mädchen auf bestimmte Zeit, die mitgenommen, dort gemeinen Wollüstlingen Preis gegeben wurden und als Gefallene mit geringem Lohne wieder zurückkamen. Der größte Teil des Sündengeldes war in den Händen derer geblieben, die sie mitgenommen hatten."

In der Mitte des 19. Jahrhundert war dieses "Geschäft" ausgebaut und ausgeweitet worden. Die Ortschronik von Hoch-Weisel führt dazu 1858 aus. dass der Fliegenwedelhandel zwar zurückgegangen. "nicht aber der Besuch fremder Länder. Nach Nordamerika namentlich nach Kalifornien wie auch Südaustralien gehen immer noch manche. Junge Mädchen, die dorthin mitgenommen werden, um Musik zu machen, zu singen und zu tanzen, wodurch sie dann in deren Dienst sie sich begeben, viel, sogar schon sehr viel Geld verdienen sollen, erhalten gewöhnlich für die drei Jahre Dienstzeit auch freie Hin- und Rückfahrt und freie Station im Ausland. 3 - 4000 Gulden, eine Summe, welche gar manche arme Eltern bestimmt, ihre Mädchen für solange wegzugeben, und die Gefahren, welchen sie in leiblicher und geistiger Hinsicht ausgesetzt sind, nicht zu achten. Hinweise auf diese Gefahren und ernstliches Abmahnen vor einer Handlungsweise, welche als eine Art von Seelenverkauf erscheint, hat noch nicht einen Einzigen bestimmt, solchen Ermahnungen Folge zu leisten."

Plenge schildert die Vorgänge etwas drastischer: "Die Mädchen wurden von Geschäftemachern engagiert, um in Ballhäusern mit Schiffern und Goldgräbern zu tanzen, die nach Entbehrungen ihr Geld genießen wollten. Kontraktmäßig musste das Übergeld an den Herrn abgeliefert werden, der eine Apotheke mit auf die Reise nahm, um lästige Schädigungen durch den Nebenerwerb zu vermeiden. Die angeblichen Tanzsalons unterschieden sich nur wenig von Bordellen. Man machte Spielereien mit kleinen Münzen, die das gefügige Mädchen zum Lohn behalten durfte, oder führte adamitische Tänze auf."

Hubert Hecker